Rückblick 2019: Gewalt in uns, vor der wir wegschauen

Rückblick 2019: Gewalt in uns, vor der wir wegschauen

Rückblick 2019: Gewalt in uns, vor der wir wegschauen

Viel ist über das abgelaufene Jahr geschrieben worden.
Einige besonders denkwürdige Nachrichten sind dabei zu kurz gekommen. Solche unter anderem, die mit dem zu tun haben, was unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhält.  Und wie wir sie verdrängen.
122 Frauen in Deutschland sterben jedes Jahr durch die Hand ihrer eigenen Ehemänner, so die Nachricht vom 26. November 2019. Quelle: das Bundeskriminalamt. Die Zahlen: von 2018. Wenig wurde in Medien und Öffentlichenkeit in den Tagen danach über Gründe und Ursachen berichtet und geforscht. „Berichterstattung ist selten“, heisst es in der Wochenpresse dazu,
„überregional wird meist nur dann berichtet, wenn die Tat von einem nicht deutschen Ehemann begangen wurde. Es gibt nicht mal ein genaues Wort für das Geschehen: Femizid, Hassverbrechen, Beziehungstat, Familiendrama? Viele Frauen haben langes Leid hinter sich, bevor ihnen das Leben genommen wird.“

Ein besserer Schutz für Frauenhäuser in Deutschland wurde landauf, landab gefordert und debattiert. Am gleichen Tag hörte ich verschiedene Berichte und Kommentare zu verbesserten Frauenhäusern, und am nächsten Morgen ein Radio-Interview mit einem Psychologen. Das war es. Wann und warum die eigenen vier Wände kein ausreichender Schutz mehr sind, kam wenig zur Sprache. Ein konkretes Bild über Motive und Tathergang über einen der 122 Fälle konnte man in kaum einem Medium finden.

Ich erinnere dies besonders gut, weil am gleichen Tag Juwelen von erheblichem Wert im Grünen Gewölbe in Dresden gestohlen wurden. Die Nachricht, so scheint es auch im Nachhinein, kam wie gerufen, um die Beschäftigung mit der kollektiven Gewalt in unseren Familien und mit dem Partner in den Hintergrund zu drängen. Und so kam es: die Diamanten des Grünen Gewölbes bestimmten noch über die ganzen folgenden Tage die Schlagzeilen im deutschen Blätterwald. Mindestens 122 menschlichen Tragödien und die Reflexion darüber hatten das Nachsehen. Dies kann, wenn man so will, in einer aufgehitzten Nachrichten-Kultur im digitalen Zeitalter nur bedingt überraschen. Einerseits.

Andererseits: was bedeutet es, wenn Gewalt, Tötung und Mord in unserem engsten Umfeld und der uns bekannten Nachbarschaften dem Vergessen anheim gegeben werden und keine ernsthafte Debatte auslösen?
An dem Tag, an dem ich im deutschen Blätterwald noch einmal genauer zu recherchieren begann, fiel mir eine nicht mehr für möglich gehaltene Ehren-Rettung (der Medien im Besonderen, wie der bundesdeutschen Gesellschaft als Ganzem) in die Hände. Die Hamburger ZEIT hatte, in Berufung auf das Bundeskriminalamt, in Kurzform die 122 Morde deutscher Ehemänner an ihren Frauen dokumentiert. (siehe hier).

Das sind wohlgemerkt nur die offiziell erfassten Zahlen des Bundeskriminalamtes. Vermutlich liegt die reale Zahl deutlich höher. Wie immer ist von einer erheblichen Dunkelziffer auszugehen. Das Ausmaß ist also noch grösser in Wirklichkeit, als die nackten Zahen besagen.

Damit einher geht eine bestimmte Form von Ambiguität, ja Doppelmoral: Beim Blick auf das Ausland echauffieren wir uns leicht und regelmäßig darüber, welche menschenverachtende, unzivilisierte Staaten und Verhältnisse es unter uns gibt. Nehmen wir das Beispiel Afghanistan. Kein Halbjahr vergeht, in dem nicht auf die neuesten Statistiken häuslicher Gewalt mit Todesfogen am Hindukusch verwiesen wird. Männer, die ihre unschuldigen Frauen ins Feuer stossen. Sie vergewaltigen. Sie verstümmelt hinterlassen und sogar aus den Gefängnissen erfolgreich einschüchtern und verfolgen. In den jüngsten Berichten aus Afghanistan, die mir gegenwärtig sind, lag die Zahl der in Afghanistan von ihren Ehemänner und Ex-Partnern pro Jahr getöteten Ehefrauen bei unter Eintausend.
Liegt damit ein grundsätzlicher oder ein relativer Unterschied zu unseren Zahlen in Deutschland vor?
Der ARD-Hörfunk brachte im Zuge der Schlagzeilen über die 122 getöteten deutschen Ehefrauen am gleichen Tag einen Bericht über das Leid der Frauen in Nigeria. Was aber sollte dieser belegen? Dass strukturelle Gewalt in schwarzafrikanischen Ländern andere Ausprägungen hat? Oder war er dazu angetan, abzulenken von der eigenen Wunde. Ein allzu menschliches Verhalten, dem auch die Medien hierzulande unterliegen.

Im erhitzten Klima der täglichen Nachrichtenflut ging so die folgende Nachricht unter: „Die afghanische Menschenrechtskommission und afghanische Frauenverbände haben mit Bestürzung auf die jüngsten Zahlen über Frauen-Morde durch die Hand deutscher Ehemänner reagiert. Die Institution der Ehe sei auch in Deutschland ein gesetzlich geschütztes Gut, dem man zu ihrem Recht verhelfen müsse. Es sei zu hoffen, dass diesen Fällen juristisch nachgegangen werde und sie so rasch wie möglich aufgeklärt würden. Das sei Deutschland dem Rechtsstaat schuldig, so die Erklärung der Kabuler Menschenrechtskommission. In Afghanistan werde mittlerweile das neue Gesetz zur Ausschaltung der Gewalt gegen Frauen erfolgreich zur Anwendung gebracht. Kabuler Behröden böten deshalb Deutschland ausdrücklich ihre Hilfe an bei der Aufklärung der zunehmenden Gewalt gegenüber Frauen in Deutschland“.
Dieses Zitat ist, sie ahnen es, konstruiert. Eine Fake, wenn sie so wollen. Das ändert nichts daran, dass die oben genannte Schlagzeile den Finger auf eine scheinbar unerklärliche Wunde gesellschatlicher Gewalt in Deutschland legt. Es ist unsere Wunde. Dass sie chronisch unterberichtet bleibt, hat nicht nur mit den oben genannten Umständen zu tun. Natürlich auch mit einer gesellschaftlichen Scham. Mit Selbstbetrug auch, dem wir uns hingeben, in dem wir regelmäßig über Gewalt gegen Frauen im Ausland und in vermeintlich weniger zivilisierten Gesellschaften berichten. Und unsere eigene Katastrophe diesbezüglich ausblenden.
Schauen wir uns unsere eigene Wunde für einen Moment an. Sie hat viel damit zu tun, warum wir als Gesellschaft heute und in diesem Jahr stehen, wo wir stehen. Verbindungen, direkte wie indirekte, zu Phänomenen wie Stress und neuer Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft bis hin zu Populismus und gewaltsamer Vaterlandsliebe sind nicht zufällig, wie sich hieran ablesen lässt.

Mehr Ernst täte der Debatte gut. Das Feuilleton der SZ kam am letzten Jahrestag 2019 mit folgender Überschrift daher: „Jahr der Scham“. Für einen Augenblick war man versucht zu glauben, es könnten auch die 122 Opfer dabei zur Sprache kommen. Tatsächlich betitelt der Artikel Formen wenig nachdrückliche, ja imaginierte Formen von Scham in unserer medialen Spaßgesellschaft. Also: der angeblichen Heizpiliz-Scham, Fußball-Scham oder vermeintlicher Internet-Scham. So erregt sich die Gesellschaft an dem, was keine Schmerz verursacht. Nicht einmal beim Lesen.  Und vergisst, sich dabei in diesen schwankenden Zeiten ihrer Zivilisiertheit und zu versichern. Und gründlichen  Nachfragens, das hier Not täte.