Corona-Ausbruch in Moria: „Szenen eines Horror-Films“

Corona-Ausbruch in Moria: „Szenen eines Horror-Films“

Corona-Ausbruch in Moria: „Szenen eines Horror-Films“

Im überfüllten Flüchtlingslager Moria auf Lesbos in der griechischen Ägäis ist am Donnerstag dieser Woche (2.9.) erstmals offiziell ein Fall von Corona registriert worden. Damit ist eingetreten, wovor Aktivisten, Politiker und Menschenrechtsorganisationen monatelang gewarnt haben. Schwierig ist die Lage auf Lesbos wegen der möglichen Ansteckungsgefahr zwischen Flüchtlingen und der übrigen Bevölkerung. Mehr noch stellt sich die Frage,
wie die Flüchtlinge untereinander eine Ansteckung verhindern können, bei derzeit über 13.000 Menschen auf engstem Raum.
Siehe mein Beitrag für den Deutschlandfunk hier (vom 6.9):

und für WDR Cosmo hier (vom 4.9.):

Ganz aktuell (Sa. 5.9.) der Hilferuf, der zugleich wie eine Mahnung an alle überzeugten Europäer klingt von der Hilfsorganisation Stand by Me Lesbos (hier, hier, hier), die vor Ort sehr gut vernetzt ist:
“Who fights, can lose. Who doesn’t fight, has already lost.”
This is a quote from the German writer Berthold Brecht. We put it in our office again like in March. Just now two more cases of Corona were diagnosed in Moria Camp, more than 110 cases in Mytillini (even on officer of police). Every day new scary news, the hospital is full and no one even has an idea if the virus now spreads in the camp. According to MSF there are still more than 400 highly vulnerable people in camp. They need to be evacuated immediately before Corona reachs them too.
And then we hope Europe wakes up and sees what they have done. We warned them since February. They left us alone on this island. Will they leave us alone again?
We feel like in the middle of a horror movie. But we will not give up. Our partners in camp have the same spirit although their situation is so much worse. This morning the mask sewing team just promised to even work harder and faster. Let them be an example for all of us.“

Corona-Ausbruch in Moria, Europas grösstem Flüchtlingslager/ M. Gerner f. DLF

„Die Menschen haben Angst, sich mit Corona zu infizieren. Zum Teil leben sie im Panik Modus seit Donnerstag“,
erzählt
diese Mitarbeiterin einer lokalen Hilfsorganisation auf Lesbos, die im Lager Mória Hilfe leistet.
„Die Menschen hängen jetzt von der Essensausgabe durch das griechische Militär ab. Aber das Essen ist nicht genießbar. Die Menschen protestieren, weil sie nicht genug Essbares haben, keine Einkäufe mehr tätigen können und ihnen das monatliche Geld gekürzt worden ist.
Im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos herrschen Angst und Verunsicherung nach dem ersten offiziellen Covid-19 Fall, den ein Somalier aus Athen, vom griechischen Festland, zurück auf die Insel gebracht hat. Bis heute, so Nachrichtenagenturen, sollen rund 2.000 Covid-19 Test im Flüchtlingslager Mória vorgenommen werden. Zwei weitere Lager-Insassen sind bereits positiv getestet worden. Es sind allerdings nicht die ersten Fälle von Covid-19 auf Lesbos. Schon vor Monatsfrist waren die erste Fälle der Pandemie auf der Ägäis-Insel registriert worden. Zur Zeit sind über 100 Fälle auf Lesbos gemeldet. Nur drei davon bis gestern in Moria, also die absolute Minderheit.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen warnt deshalb vor einer ungerechtfertigten und unmenschlichen Quarantäne der griechischen Behörden für die Menschen im Lager Mória. Die seit Donnerstag verhängten Maßnahmen seinen zum Teil rücksichtslos und möglicherweise schädlich für das physische und psychische Wohlbefinden der Menschen im Lager, heisst es in einer Pressestatement. 
Eine Massenquarantäne sei unbedingt zu vermeiden, auch zum Schutz der Würde der Lagerinsassen. Zusammengepfercht in Containern und überwiegend in selbstgebauten Holzhütten, leben derzeit rund 13.000 Menschen im Flüchtlingslager Mória dicht an dicht und ohne Möglichkeit, den nötigen Abstand zu halten.

Wichtig wird es jetzt sein, vor allem besonders gefährdete und ältere Personen aus dem Lager zu evakuieren. Das betrifft mindestens 200 Personen. Direkt am Flüchtlingslager Mória gibt es ein neues mobiles Gesundheitszentrum, das allerdings bei einer steigenden Zahl von Tests und Betroffenen leicht an die Grenzen seiner Kapazität kommen würde. Zuletzt wurden immer wieder Patienten aus Mória in das städtische Krankenhaus von Mytilene transportiert. Durch die zunehmenden Covid-Fälle auf der Insel sind auch hier die Möglichkeiten begrenzt. 

Seit Monaten bereits fordern Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen die Umsiedlung der in Moria lebenden Flüchtlinge auf das griechische Festland, v.a. sogenannter vulnerabler, also besonders verletzlicher Menschen, und von dort in andere EU-Länder.

Im April, so Ärzte ohne Grenzen, habe sich die griechische Regierung für einen solchen Umzug bereit erklärt. Heute, fünf Monate später seien die Menschen immer noch gefangen im Lager und würden jetzt von der Polizei blockiert. 

So könnte auch die psychische Gesundheit weiter leiten. Schon jetzt werden immer mehr Depressionen bei Kleinkindern und Suizidversuche bei Jugendlichen in Mória registriert.
Kritiker fordern schon längst einen integrierten Gesundheits-Ansatz aller Behörden und Organisationen auf Lesbos angesichts der Pandemie. Sinnvoll wäre jetzt, alle grundlegenden Hygienemaßnahmen auch im Flüchtlingslager zugänglich zu machen. Massentests so weit möglich durchzuführen und positiven Fälle zu isolieren.

Was bedeutet der erste offizielle Fall und damit der Ausbruch von Covid 19 für die Menschen im Lager Moria?
Vor allem Angst und Sorge. Konkret:
Angst vor Ansteckung, weil niemand weiß und nachverfolgen kann, welche Kontakte die erste offiziell infizierte Person im Lager hatte in den letzten Tagen und Wochen. Interessanterweise bzw. paradoxerweise handelt es sich um einen Flüchtling, der die Aufenthaltsgenehmigung für das griechische Festland bekommen hatte, aber die Rückreise nach Lesbos angetreten hat.
Sorge auch: Weil die über 12.000 Menschen im Lager (Anfang Februar waren es offiziellen Angaben zufolge noch über 20.000) befürchten müssten, dass ihr Alltag nun weiter eingeschränkt wird. Und sie noch weniger
 das Lager als bisher schon verlassen dürfen: Für Besorgungen, um Geld abzuheben, um Einkäufe zu tätigen, für Arztbesuche oder Behördengänge. 
Bisher durfte täglich eine Person pro Familie mit schriftlicher Erlaubnis das Lager verlassen. Es ist damit zu rechnen, dass dies nun noch einmal verschärft wird von den griechischen Behörden.
Sorge haben die Menschen im Lager auch, dass die aktuellen Kontakte,Programme und Zusammenarbeiten mit nationalen und internationalen Hilfsorganisationen, von denen einige im Lager präsent sind zur Zeit mit Mitarbeitern/innen, weiter und ggf. radikal zurückgefahren werden. Das hiesse faktisch dann eine weitgehende menschliche Kontaktsperre, mit weiteren Folgen.
Nicht nur die Schulen im Lager, die die Flüchtlinge für Flüchtlinge eingerichtet haben und die auf allerlei Hilfslieferungen angewiesen sind, könnten dann nicht mehr wie bisher funktionieren. Das betrifft aktuell u.a. und ganz dringend die Einrichtung von Internet und WLAN, wovon auch der Kontakt zur Welt und dem Internet abhängt.
Wichtig ist jetzt zudem: auch die Lagerbevölkerung muss ind Corona-Tests mit einbezogen werden. Sie darf nicht aussperrt bleiben von den Krisen-Planungen die auch für die übrige Insel-Bevölkerung (ca. 85.000 Menschen auf Lesbos) gelten.
Insgesamt sind etwas 100 Fälle zur Zeit auf der Insel registriert, die Mehrheit also außerhalb des Lagers und ohne dass offenbar diese Menschen mit Flüchtlingen und Migranten in Kontakt stehen oder standen.
Deshalb sollte gelten: Gesundheitliche Vorsorge, soweit möglich, für alle und gleich. Damit keine humanitäre Apartheid entsteht.

War das diese Woche wirklich der erste Fall von Covid-19 im Lager oder ist das Virus schon vorher ausgebrochen, fragen sich viele (ich auch)?
Das ist schwer zu sagen, weil die gesundheitliche Versorgung vor Ort mangelhaft ist im Sinne von: viel zu wenig Hilfe für alle Menschen. Als NRW-Ministerpräsident Armin Laschet Anfang August vor Ort war, hatte er eine Begegnung mit Ärzte ohne Grenzen genau zu dieser Frage. Wir wissen es schlichtweg nicht genau, sagten die MSF-Mitarbeiter, es könne sein, dass das Virus bereits im Lager sei.
Überraschend ist die aktuelle Entwicklung nicht: seit Ausbruch der Pandemie gab es, trotz Vorsorge-Maßnahmen, immer noch ein reges Kommen und Gehen von lokalen wie internationalen Helfern nach Moria rein und raus, auch von Journalisten, die den grössten Teil des Lager ungehindert betreten konnten bislang, von vereinzelten Kontrollen im Juni und Juli z.B. abgesehen. Der grösste Teil des Lagers: das sind vor allem Hügel und Felder mit Olivenbäumen, zwischen denen Tausende Menschen ihre Holzhütten erreichtet haben. Helfer haben schon im August ihren Zugang zum offenen Teil des Lagers schrittweise eingeschränkt. Dies ist eine grosse Herausforderung: wie kann Nothilfe weiter an die Menschen gelangen, ohne dass alle Menschen im Lager pauschal von den Behörden als mögliche Überträger diskriminiert werden.

Teile der NRW-Landesregierung haben sich nach dem ersten Covid-Fall in Moria erneut für eine absehbare Schließung des Lagers Moria ausgesprochen, wohl wissend, dass die aktuelle EU-Politik an dem auf Abschreckung ausgerichteten System der Empfangseinrichtungen für Flüchtlinge auf den Ägäis-Inseln festhält.

Zugleich gibt es neue Pläne der griechischen Regierung, die Abriegelung zu forcieren: So wurde diese Woche ein Vertrag veröffentlicht, den das griechische Ministerium für Migration und private Unternehmen offenbar unterzeichnet haben. Ziel und Absicht: das Lager Moria zu umzäunen, und das möglichst bis Anfang November noch. Ein ambitionierter Zeitplan, der die die Einheimischen auf Lesbos tief spaltet und neue Proteste nach sich ziehen dürfte. Denn gerade die rechten, populistischen Demonstranten sind strikte Gegner einer Verfestigung der Lagerstrukturen in bisheriger Form. Unter den Menschen im Lager verstärkt die Absicht einer Umzäunung des bisher noch ‚freien‘ Olive Groves die Angst der Menschen zu Insassen eines großen Freiluftgefängnisses zu werden. Dies wiederum könnte neue Gewalt generieren: psychisch wie physisch. Denn der Anteil an schweren Depressionen, u.a. bei Kleinkindern und Jugendlichen, wächst täglich, wie Experten und Ärzte mir vor Ort bestätigt haben, und damit u.a. auch die Suizidgefahr.

Wenn Deutschland und Europa ihre Solidarität ernst meinen, dann ist dies erneut der Moment zu handeln.

Nota bene: nach Rückkehr meiner Reise nach Lesbos und das Flüchthlingslager Moria habe ich mich in Deutschland unmittelbar testen lassen. Der Test ist negativ ausgefallen.