Finissage: Jenseits des Westens – Photoszene Köln 2018

Finissage: Jenseits des Westens – Photoszene Köln 2018

Finissage: Jenseits des Westens – Photoszene Köln 2018

Jenseits des Westens – Finissage
Internationale Photoszene Köln 2018 / International Cologne Photoszene 2018 (siehe hier, hier)
Vowort / Foreword

 

Mein Großvater ist vor 75 Jahren im Mittelmeer ertrunken. Zwischen der Küste Italiens und Nordafrikas. Schiff und Besatzung versanken in den Fluten. Jede Rettung kam zu spät. Die Umstände waren damals andere als heute. Eine Verbindung zu den aktuellen Unglücken im Mittelmeer besteht gleichwohl. Womöglich arbeitet diese unbewußt in mir, die ganzen Jahre über.

Seit 2001 engagiere ich mich vor Ort in Afghanistan und im Irak vor allem beim Aufbau einer neuen Zivilgesellschaft, noch vor meiner Tätigkeit als Autor und Fotograf. Anders als viele Kollegen in Konfliktgebieten komme ich ausführlich mit Menschen in Kontakt. Keine Heimat-Redaktion entsendet mich. Ich suche mir meine Ziele und entscheide, worüber ich berichte. Ich arbeite mit lokalen Gruppen vor Ort zusammen, auch mit Flüchtlingen, ohne militärische Begleitung. So entstehen Begegnungen und Bilder abseits der Erzählungen und Narrative, die wir aus unseren Nachrichten kennen.


We thought we were done with these things but we were wrong.

We thought, because we had power, we had wisdom.
We thought the long train would run to the end of Time.
We thought the light would increase.
Now the long train stands derailed and the bandits loot it.
Now the boar and the asp have power in our time.
Now the night rolls back on the west and the night is solid.

Stephen Vincent Benét, Litany for Dictatorships

Flüchtlinge sind das Thema unserer Tage. Überall leben neue Nachbarn unter uns. Zugleich fehlt eine angemessene Bildsprache im Umgang mit ihnen, ein Dialog auf Augenhöhe. In einem Deutschlandfunk-Feature sagte ich einmal: Die Würde des Afghanen (Syrers, Irakers, …) ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Aufgabe aller staatlichen Gewalt. Der dazugehörige Artikel 1 im Grundgesetz lebt mit einem Paradox: wäre die Würde des Menschen nämlich unantastbar, müsste der Staat sie nicht achten und schon gar nicht schützen. Es geht also um die konkrete Utopie: dass die Würde des Einzelnen unabhängig vom Staat und seinen Gewalten existiert. Das ist so erstrebenswert wie abgründig. Weil Würde die (Er)Kenntnis menschlichen Alltags beinhaltet, zeigt die Ausstellung konkrete Beispiele dazu, vor allem aus Afghanistan.

Wir vergessen in diesen Tagen oft, was es heisst, Europäer zu sein. Angesichts der vielen Leichen im Mittelmeer verblassen unveräußerliche Rechte des Einzelnen zusehends. Die Geschichte meines Großvaters – wenn sie denn für etwas steht – zeigt, wie schnell sich die Dinge ändern können. Vor 150 Jahren zogen Millionen von Deutschen, unsere Urgroßväter und Urgroßmütter, aus, um anderswo eine neue Heimat zu suchen. Getrieben von Armut, auch von religiöser Benachteiligung. Hat man diese Menschen dafür verurteilt?, frage ich mich.
 Meine Erfahrung sagt: für nichts gibt es eine Garantie. Auch nicht für unseren aktuellen Wohlstand. Rien n’est jamais acquis, so der Dachau-Überlebende Joseph Rovan: Nichts ist ein und für allemal gewonnen.

Im hiesigen Alltag müssen unsere Angebote an die neuen Mitbürger mehr beinhalten als das Einfordern von Deutschkenntnissen. Integration ist ein komplexer Prozess. Er funktioniert dann gut, wenn für die neuen Mitbürger klar wird, wo sie hinwollen und hinkönnen, weniger wo sie herkommen. Das müssen wir sie spüren lassen. 
 Hier leben kann, muss deshalb bedeuten: unsere Werte neu zu beleben. Und den Anfängen wehren. Wo Menschen aus ihrer Heimat fliehen, erleichtert dies vor Ort oft Korruption und schafft neue Ungleichheiten. Ein Teufelskreis, den wir helfen können zu durchbrechen. Unkonventionelles wagen, sich selbst hinterfragen sind deshalb Gebote der Stunde. So ermutigen wir uns und die Anderen.

 

„Der einzige Ausweg wär aus diesem Ungemach:
Sie selber dächten auf der Stelle nach
Auf welche Weis dem guten Menschen man
Zu einem guten Ende helfen kann.
Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss!
Es muss ein guter sein, muss, muss, muss!“

Bertolt Brecht, Der gute Mensch von Sezuan

 

Die Ausstellung ist begleitet von meiner Raum-Performance Mediterranean.
Ein Ozean. Heimat und Ankunfts(land) trennend. Dazwischen: Gründe, Unergründliches.

links Photografie / Ausstellungen Martin Gerner:
https://festival2018.photoszene.de/ausstellungen/jenseits-des-westens/198.html
https://festival2018.photoszene.de/ausstellungen/jenseits-des-westens/429.html
https://aktion-neue-nachbarn.de/blog-detail/Jenseits-des-Westens-Foto-Ausstellung-von-Martin-Gerner/
http://mdf-berlin.de/archives/2016/en/exhibitions/exhibition/dream-is-over/index.html
http://mdf-berlin.de/archives/2016/de/ausstellungen/ausstellung/dream-is-over/index.html
http://deutschlandfunk.pageflow.io/afghanurbistan-afghanische-welten#14925
http://deutschlandfunkkultur.pageflow.io/endstation-serbien#116001
http://martingerner.de/photography/exhibitions/
http://martingerner.de/photography/portfolio/