Frankreichs WM-Sieg: falscher Mythos, gutes Beispiel für Deutschland?

Frankreichs WM-Sieg: falscher Mythos, gutes Beispiel für Deutschland?

Frankreichs WM-Sieg: falscher Mythos, gutes Beispiel für Deutschland?

Das Echo, das ich dieser Tage von meinen Gesprächspartnern aus Frankreich bekomme, lässt wenig Zweifel:
wenn die Welle des Erfolgs nach dem WM-Sieg trägt, könnten sich im besten Fall viele dumpfe, fremdenfeindliche Parolen von Marine Le Pen und des Front National von selbst erledigen.
Denn vor allem in den Fan-Meilen der Banlieues von Paris und der Großstädte haben junge Franzosen arabischer und afrikanischer Abstammung die Trikolore geschwenkt und bis tief in die Nacht die Marseillaise gesungen. Das gab es selbst 1998 nicht, als die Medien nach dem ersten WM-Erfolg den Black-Blanc-Beur-Mythos ausriefen. Der grosse Pakt mit Immigranten-Familien aus Nord- und Schwarzafrika folgte allerdings nicht auf dem Fuß. Vor allem liess sich der Mythos nicht von einer Mannschaft auf ein ganzes Land übertragen. Mythos auch, weil schnell klar wurde, welche Probleme Frankreichs Vorstadt-Ghettos unverändert haben und warum nicht nur Pariser Vororte als no go-Areas gelten.

Vor allem Präsident Nicolas Sarkozy hat die Banlieues als Sammelbecken der Gescheiterten stigmatisiert, in denen Menschen in selbstverschuldeter Arbeitslosigkeit und Drogensucht leben und Strassen-Krawalle anzetteln. Ein Teil der Medien hat dieses Bild aufgenommen. Fast zwangsläufig und im Sog terroristischer Anschläge der letzten Jahre, wurde so eine Erzählung daraus – mit Banlieues als Hort politischen Fundamentalismus. Alles Dinge, die das Erstarken des Front National erleichtert haben. Falls jetzt die richtigen Lehren gezogen werden, könnte sich diese Tendenz umkehren. Dafür müsste aber auch Präsident Macron, der als Messias in der französischen Politik gestartet ist, zu Integration und Vorstadt-Ghettos endlich Erfolge einfahren.
Klar ist: die Franzosen haben sich, quer durch alle Schichten, den Druck des Ausnahmezustandes in ihren Städten mit dem WM-Titel von der Seele gefeiert. Zum ersten Mal nach langer Zeit finden die Banlieues jetzt ein positives mediales Echo. So auch Bondy, der Pariser Vorort, aus dem Kilian M’Bappé stammt: „Bondy – Ort des Möglichen“ heißt es auf riesigen Werbetafeln mit dem Konterfei des neuen Shooting Stars.

Nicht nur Frankreichs Fußball, zahlreiche Fußball-Ligen weltweit schöpfen vom Reservoir der Talente, die die anonymen Pariser Vorstädte mit ihren 10-Millionen einsamen Seelen produzieren. Fußball ist dabei keine Erfolgsgarantie. Sport als Leiter zum sozialen Aufstieg kaschiert vielmehr Nachteile, allen voran ungleiche Bildungschancen und Vorurteile über Hautfarbe und Religion.

Was geht die Deutschen das an? In 20 Jahren – so lange hat es vom ersten zum zweiten WM-Titel der Franzosen gedauert – werden in Berlin-Marzahn, Köln-Chorweiler und Hamburg-Wilhelmsburg, in unseren Vorstädten also, viele von der Million neuer Menschen, die als Flüchtlinge und Migranten zu uns gekommen sind, aufgewachsen sein. Zeit also, diese neuen Mitbürger schon jetzt in ihrem ganzen Potenzial wahrzunehmen und zu fördern.
Neulich habe ich den Lebenslauf eines jungen Afghanen korrigieren dürfen, der ohne Familie vom Hindukusch geflüchtet ist. Dort war er Mitglied des Taekwondo-Nationalteams. Nichts davon stand in seinem Lebenslauf. In der Halle, bei seinen Turnieren aber, kann ich sehen, was er neben Deutsch-Lernen noch draufhat.
Dass Deutschland im Umgang mit Minderheiten Nachhol-Bedarf hat, hat der Fall Mesut Özil gezeigt. Frankreich hat hier durch seine Kolonial-Geschichte längere Erfahrungen. Ein Modell für Integration hat es ebenso wenig wie Deutschland. Vom WM-Sieg der Franzosen lässt sich immerhin Eines lernen: das Positive in der Krise zu sehen. Das halb volle Glas, statt des halb leeren. Und dass Aufstehen möglich ist, wenn man kläglich versagt hat oder irrlichtert – sportlich wie politisch, liebes Deutschland!

Siehe zum Mythos Black-Blanc-Beur und dem jünsten WM-Erfolg des onze tricolore auch die ausführliche Analyse über die Jaged nach Fußball-Talenten und Aufstiegschancen in den Pariser Banlieues (hier) und eine frühere Analyse von mir über den Mythos der 1998er-Elf und der damaligen Debatte (hier).

Siehe auch meinen Kommentar ‚Nutzt das Potenzial der Neubürger‘ in Deutschlandfunk Kultur (hier)

Der WM-Sieg auch Thema bei Le Canard Enchainé. Die Satire-Zeitung kritisiert zwischen den Zeilen,
dass Macron viele wichtigere Termine mit den Sozialpartnern hat als sich mit den Fußballern gemein zu machen…