Afghanistan: Kabul vor dem Fall?

Afghanistan: Kabul vor dem Fall?

Afghanistan: Kabul vor dem Fall?

Zu den dramatischen Ereignissen der letzten Stunden und Tage, mein Kommentar heute im Deutschlandfunk hier, und unten in voller ungekürzter Fassung.
https://www.deutschlandfunk.de/vormarsch-der-taliban-in-afghanistan-zurueck-bleibt-ein.720.de.html?dram:article_id=501742


In diesen Stunden hat in Afghanistan die Evakuierung US-amerikanischer und europäischer Diplomaten begonnen. Mit dem Ziel, Botschaftspersonal aus Kabul auszufliegen und zu retten, bevor die Taliban die Stadt erobern. Keine Rückkehr in den Afghanistan-Krieg soll die Evakuierung sein, heisst es, die Erinnerungen wachruft an Vietnam. Die Rettung eigenen Botschaftspersonals, auch von deutscher Seite, ist so verantwortlich wie es kühle und zugleich hastige Realpolitik ist. Moralisch und politisch-strategisch ist sie ein weiteres Eingeständnis des Scheiterns angesichts der vielen Menschen, die zurückgelassen werden, und die es jetzt zu retten gilt. In Kabul und in Afghanistan. Denn die neue humanitäre Katastrophe hat längst begonnen. Auch wenn heute keine weitere Provinzhauptstadt an die Taliban fallen sollte: unermeßliche Not entfaltet sich bereits jetzt mit jeder Stunde. Statt übereilt abzuziehen wäre eigentlich das Einfliegen humanitärer Hilfsgüter vonnöten. Sofortige Katastrophenhilfe für die Menschen, die aus den Provinzen nach Kabul kommen. Eine halbe Million Menschen sind bereits als Binnenflüchtlinge vor den Kämpfen unterwegs, nach Kabul und in noch
erreichbare Provinzstädte. Tausende drängen an den Grenzübergängen von Pakistan, Iran und Tadschikistan raus aus dem Land. Mancher, der es sich leisten kann unter Afghanen, ergattert eines der begehrten Visa auf dem Schwarzmarkt, um noch heute auszufliegen.
Zurück bleibt ein Volk, das sich, zu Recht, einmal mehr von der internationalen Politik
verlassen und betrogen fühlt. Nicht weniger von der eigenen Regierung, die wie verschwunden scheint.
Steht Kabul also vor dem Fall? Oder erfolgt doch noch ein Gegenschlag, der die Taliban zurückdrängt?
So richtig mag man nicht mehr daran glauben. Zu offensichtlich ist der Zerfall der afghanischen Sicherheitskräfte, zu offenbar sind die Anzeichen von Auflösung in der Regierung. Ratsam erscheint nun vor allem, die Waffen zum Schweigen zu bringen. Und die Taliban zu echten Verhandlungen zu bewegen, um noch mehr Gewalt und höheren Blutzoll zu vermeiden.
Das Ziel dabei kann nur lauten, den Zerfall des Staates Afghanistan, wie wir ihn aktuell kennen, zu verhindern. Und um zu verhindern, dass Nachbarstaaten wie Iran und vor allem Pakistan, das die Taliban geschaffen hat, keinen Spielraum erhalten für neue Stellvertreterkriege am Hindukusch. Sollten dringende diplomatische Anstrengungen scheitern, hat die neue Flüchtlingskrise in Afghanistan das Zeug, die ganze Region in ein neues Chaos zu stürzen. Auch Deutschland und Europa würden sehr schnell die Auswirkungen davon spüren, mit Flüchtlingen, die sich zu uns auf den Weg machen. Schon jetzt kommen im Lager Kara Tepe auf Lesbos, das dem Brand von Moria folgt, über 70 Prozent der Schutzsuchenden aus Afghanistan.
Dem Wortklang nach beansprucht deutsche Politik oft und gerne Solidarität mit und Verantwortung für das afghanische Volk. Jetzt liesse sich diese einlösen. Am Besten ohne falsches Zögern: das gilt nicht nur für afghanische Ortskräfte im Dienste
der Bundeswehr. Auch solchen, die jahrelang als zivile afghanische Helfer Risiken auf sich genommen haben, gehört geholfen.
In Gefahr schweben neben Beamten zunehmend auch Journalisten, Künstler, Dozenten, Frauenrechtlerinnen. So wie türkische Akademiker und Autoren bei uns seit sechs Jahren Aufnahme in Sonderprogrammen zur Rettung vor Gewalt finden, so könnte dies auch hier für Afghanen und Afghaninnen gelten.
Andere werden im Land bleiben. Weil sie es nicht den Waffentragenden allein überlassen wollen. Auch, weil sie
sich als Teil der Veränderungen der letzten Jahre empfinden. Ich selbst habe über fünfzehn Jahre in Afghanistan junge Journalisten und Journalistinnen ausgebildet.Presse- und Meinungsfreiheit ist auch in diesen Tagen etwas, worauf viele Menschen in Afghanistan nicht verzichten wollen. Aber sie ist in Gefahr. Wie so vieles. Sender werden abgestellt, Journalisten arbeiten im Kreuzfeuer der Fronten. Frauen, und damit die Hälfte der Bevölkerung, würden unter den Taliban weitgehend zuhause bleiben müssen. Millionen Gesichter, die mit einem Mal aus dem öffentlichen Leben verschwinden. Es wäre beschämend dabei einfach dabei zuzuschauen, als wäre der globale Süden ein Begriff, den wir uns nach Belieben zurecht legen und selbst interpretieren. Die kurzfristige Konsequenz aus dem übereilten Rückzug der USA, dem die deutsche Politik ohne Zögern gefolgt ist, ist jetzt die Mithilfe bei der Linderung der humanitären Not. Ohne politisches Kalkül und in allen notwendigen Belangen.