Emergency Room Lesbos: die Not der Flüchtlinge, Unmut der Einheimischen

Emergency Room Lesbos: die Not der Flüchtlinge, Unmut der Einheimischen

Emergency Room Lesbos: die Not der Flüchtlinge, Unmut der Einheimischen

Nach einem Monat Recherche, Interviews und Begegnungen auf Lesbos – mit Flüchtlingen wie mit Einheimischen –
gibt es wenig Zweifel: das Bild in unseren Medien über die Zustände auf der Insel, einer von fünf sogenannten Hot Spots der Europäischen Union in der Ägäis zur Kontrolle und Steuerung von Zuwanderung – ist weitgehend unvollständig.  (zu meiner Reise auch  Interviews im Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 29.12.18 & 9.1.2019 (hier)


„Immer tiefere Depressionen und Selbstmordversuche“: Haji Nazari, ein Sprecher und Vertreter der Flüchtlinge im Lager Moria

Die Wirklichkeit auf Lesbos ist bedrückend, oft auch surreal. In rechtlicher wie politischer Hinsicht ist sie intolerabel, gemessen an den Werten und Worten, die wir und unsere gewählten Politiker angeblich hochhalten.
Bedrückend ist sie, weil diese sogenannten Hot Spots gleichbedeutend sind mit einer offenbar intendierten Verschärfung räumlicher Not und Enge in den Flüchtlingslagern, der systematischen Verhinderung von Pritvatsphären, administrativer Willkür im Umgang mit den Zugereisten und des Versagens wie der Entrechtung grundlegender Rechte der hier untergebrachten Menschen. Für viele der rund 8.000 Flüchtlinge auf Lesbos bedeutet Lager-Alltag: einmal Duschen in der Woche, stundenlanges Anstehen für die täglichen Mahlzeiten, die am Ende oft erkaltet sind; keine oder weitgehender Verzicht auf die Teilhabe an Bildung im Kindes, Jugend- und Erwachsenenalter; das Fehlen psycho-sozialer Versorgung; erschwerter Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen, um nur einige der Probleme zu nennen.
„Viele der Flüchtlinge hier haben zudem und zum Teil deshalb mit mmer tieferen Depressionen zu kämpfen, auch mit Selbstmordversuchen“, so Haji Nazari. Nazari ist ein Sprecher und Vertreter der Flüchtlinge im Lager Moria. Ich treffe ihn außerhalb des umzäunten Teils des Lagers, im sogenannten olive grove, dem von Olivenbäumen gesäumten Hang rund um das Lager. Hier leben notdürftig und zwischen den Bäumen mehr als 1.000 Menschen, die innerhalb der Umzäunung des Lagers keinen Platz finden.  Die meisten von ihnen sind Afghanen, viele darunter Angehörige der Hazara-Ethnie. Auf den Zelten aus Kunststoff prangt teilweise das bekannte UN-Emblem mit den schützenden Händen. Andere hocken im Freien, sind eben erst angekommen mit dem Schlauchboot von der türkischen Seite des Meers, wie sie erzählen, und warten darauf, dass ihnen ein Zelt zugeteilt wird.
Die UN- oder EU-Embleme auf den Zelten können nicht darüber hinwegtäuschen: der olive grove besteht aus Not-Behausungen, soweit das Auge reicht. Offiziell ist der Mangel an Wasser, zum Trinken wie zum Waschen, behoben. Dennoch klagen die Menschen darüber, mit denen ich mich auf Persisch unterhalte.  Hier draußen aber auch in der Stadt mangelt es weithin an Übersetzern und Sprachkundigen unter  Helfern, Sozialarbeitern, bei Sicherheitspersonal und unter behördlichen Vertretern. Um festzustellen, was vier Tage Dauerregen und Kälte auf dem bergigen Hang anrichten, bei Wind und Blitzgewitter in diesem Winter, braucht man allerdings keinen Übersetzer. Am nächsten Tag hängen Wäscheleinen im Freien zum Trocknen der nass gewordenen Kleider, die Kälte sitzt einigen noch in den Gliedern.

Auch im vierten Jahr nach 2015, der grossen Ankunft, ist Moria Notstandsgebiet. Das schreiben keine westlichen Medien-Vertreter herbei. Das sagt der Bürgermeister von Mytiline selbst, Spyros Galinos. Vor Monaten bereits hat er Alarm geschlagen, an die Adresse seiner eigenen Regierung und auch von EU-Vertretern und eine rasche, faire Verteilung der Flüchtlinge auf das griechische Festland gefordert sowie in die übrigen EU-Länder. Passiert ist seitdem wenig. Im November haben wenige Hunderte Flüchtlinge Mytiline auf grossen Fähren in Richtung Athen verlassen. Die Notlage in Moria hat das nicht grundlegend verändert – zumal weiter wöchentlich, manchmal täglich Dutzende Menschen von der türkischen Seite über das Meer kommen, berichten Helfer und Behörden. Die Flüchtlinge landen jetzt nicht mehr wie 2015 an den nördlichen Stränden von Lesbos, dort wo der Weg über das Meer am Kürzesten ist. Jetzt werden sie von Frontex- oder griechischen Patrouillen-Booten abgefangen, aufgenommen, an Land gebracht und auf kürzsetem Weg ins Lager Moria, wo man ihre Daten aufnimmt.

Die Menschen in Moria leben rund zehn Kilometer außerhalb von Mytilene: „out of sight, out of mind“, wie Kritiker sagen. Die Kritiker werfen staatlichen Behörden und der EU bewußte Abschreckung vor: wo unklar ist, ob und wie man von hier weiterkommt, wo der Alltag täglichen Kampf um das Weiterleben bedeutet, wo der Antrieb erstirbt, es weiter nach Westen in die EU-Länder zu versuchen, dort manifestiere sich der feindliche Charakter der Festung Europa. Die 15-minütige Fahrt von Moria ins Zentrum von Mytilene reicht um zu begreifen: derart getrennt bewahrt die Insel-Metropole zumindest dem Anschein nach ihre Normalität. Keine Anzeichen von sozialem Unfrieden in diesen Tagen. Asiatische wie afrikanische Gesichter gehören zum  Stadtbild mittlerweile. Junge Ehepaare mit Kinderwagen sind darunter.  dAus Moria selbst heisst es an einem der Tage im Dezember, ein Flüchtling sei umgekommen. Gestorben im Streit zweier Migranten gleicher Nationalität. Einzelheiten bleiben offen.
Es sind Geschichten wie diese – zwischen Tatsachen und Gerüchten oft – die die griechischen Bewohner von Lesbos zunehmend bedrücken, manche verängstigsen. Andere scheint es zu radikalisieren. Dafür steht der Kampf der Grafittis in den Strassen von Mytilene – wobei die andere Seite kräftig zurück sprüht. Ein wenig außerhalb des Stadtzentrums hatten Helfer vor monatsfrist eine Gedenktafel für im Meer verstorbene Flüchtlinge eingeweiht. Mutmaßliche Rechtspopulisten haben sie geschändet. Willkommen in Europa, so der Reflex. Lesbos ist  keine Ausnahme von der Regel. Wieso auch? Die Flüchtlinge ihrerseits finden: dies hier, Griechenland, ist nicht Europa. Manchmal äußern Gleiches sogar nachdenkliche Bewohner aus Lesbos.

Touristen kommen seit bald vier Jahren so gut wie keine mehr nach Lesbos. Schuld daran ist vor allem Moria. Das Lager hat Schlagzeilen gemacht, meist negative. Unhaltbare Zustände im Lager und/oder Gewaltausbrüche wurden berichtet. Immer wieder und bis heute sehen viele der Inselbewohner sich zu Unrecht mit den Vorgängen in Verbindung gebracht. Die Not hätten nicht sie zu vertreten, sondern Verantwortliche weiter oben, in Griechenland und Europa. Recht haben sie.

Das Flüchtlingslager Moria, 10 km außerhalb von Mytilene gelegen, gleicht einerseits einem Hochsicherheitstrakt, in dem auch Flüchtlinge inhaftiert sind. Andererseits ist der Schutzzaun an vielen Stellen durchlöchert und kaum kontrollierbar, wer wann ein und ausgeht.

Das Sagen in Moria haben staatliche griechische Migrations-Behörden, Verteidigungs- und Innenministerium.  Auch eine Vertretung des europäischen Unterstützungsbüros für Asylfragen EASO ist hier untergebracht sowie eine Reihe internationaler GOs und NGOs, die sich um die grösste Not kümmern, wie sie beteuern.
Moria wirkt äußerlich wie ein poröser Haftkokmplex: an allen vier Seiten abwechselnd umgeben mit einer Mauer oder einem Stacheldrahtzaun, der immer wieder Löcher aufweist, durch die die Menschen rein- und rausschlüpfen. Innerhalb des Lagers gibt es noch einmal einen eigenen Komplex aus Drahtzäunen und Wachtürmen. Gefängnisartig. Hier, so die Berichte von Lagerbewohnern, würden jene festgehalten, deren Asylanträge zweimal abgelehnt worden sind. Auch vermeintliche Unruhestifter aus dem Lager, die hier Strafen verbüssten.
Auch in diesem Winter erreichen quasi jeden Tag bzw. jede Woche unverändert Dutzende, manchmal Hunderte von Flüchtlingem Lesbos auf dem Seeweg von der türkischen Seite aus. Anders als 2015/16 werden ihre Schlauchboote nun oft von griechischen Grenzschiffen aufgespürt oder von Frontext, der Agentur zum Schutz der EU-Grenzen auf See und Land, und an Land gebracht.

 

Kälte, Wind und viel Regen in den vergangenen Wochen machen das Leben und Überleben in Moria zu einem Härtetest für die Flüchtlinge. Kleineren Zelten fehlt es an einer stabilen Unterlage, sie halten der harten Jahreszeit nicht immer Stand.

Surreal ist Lesbos, weil (abgesehen von den Helfern) sich Einheimische und die Flüchtlinge oft mit kaum verborgener Ablehnung oder Gleichgültigkeit begegnen. Die Einen beharren darauf, dass Lesbos Transit-Boden ist. Die Migranten sehen in diesem Stück Land nicht das Ziel ihrer Träume. Wirtschaftlich Perspektiven lägen woanders. So ist Integration auf Lesbos ein Wort, das städtische wie staatliche Behörden meider, und sogar ein Teil der Hilfsorganisationen. Denn es würde suggerieren, dass das Bleiben der Flüchtligne damit einhergeht. Faktisch aber verbringen immer mehr Menschen Monat für Monat, Jahr für Jahr auf dem Eiland, ohne zu wissen ob und wann sie von hier jemals wieder wegkommen. Vielen fehlt es an Rechtsberatung und juristischer Hilfe. Allein Kafka, so scheint es, ist ihr Anwalt.

Mann muss sich immer wieder  kneifen: Nicht weniger als eine halbe Million Menschen sind seit dem Spätsommer 2015 auf Lesbos angekommen, einer Insel, die selbst nur knapp 80.ooo Einwohner zählt, über die Hälfte davon in Mytilene, wo auch Moria liegt. Angekommen auf zum Teil see-untüchtigen Schlauchbooten und Fischkuttern. Wie in Deutschland öffneten die Menschen auf der Insel auch hier den Flüchtlingen anfangs bereitwillig ihre Arme und Häuser. Stellten Wohnungen, Terrassen und Gärten für jene zur Verfügung, die die gefährliche Überfahrt über das Meer lebendig überstanden hatten. Die Strassen und Bürgersteige in Mytilene waren voll von Menschen seinerzeit Kaum noch Asphalt zu sehen, so überfüllt waren die Strassen und Bürgersteige von Menschen, Zelten, Decken, Papp-Planen, erzählen die Lesbier dem Reisenden.
Viele der Migranten erinnern sich drei Jahre danach mit Dankbarkeit daran. Der Grund ist einfach: viele Griechen auf Lesbos sind selbst Flüchtlinge bzw. kommen aus Flüchtlingsfamilien. Die Geschichte der Katastrophe Kleinasiens 1922, als Hunderttausende Griechen aus der Türkei fliehen mussten (und im Tausch die türkische Bevölkerung im Zuge einer völkerrechtlich sanktionierten ethnischen Säuberung Lesbos und Griechenland verlasen mussten), hinterlässt bis heute ihre Spuren.


Holz-Paletten als Fundamente für ein Zelt. Flüchtlinge errichten eine Unterkunft am Olive-Grove, den Berghängen außerhalb des Lagers Moria, das übervölkert ist und mehr als 1.000 Menschen nicht mehr fassen kann.

 

Ahnlich wie in Deutschland ist längst Ernüchterung eingekehrt. Mehr noch: Die Inselbewohner von Lesbos fühlen sich verraten. Auf ihrem Rücken liege die ganze Last des EU-Türkei-Abkommens, das die EU-Staatsmänner mit der Erdogan-Regierung im März 2016 vereinbart haben.
Das Abkommen hat Lesbos zu einem Flaschenhals gemacht, von dem aus es kein Weiterkommen gibt für’s Erste. Faktisch hat sich das griechische Festland (und damit die EU) damit vom grössten Druck durch ankommende Migranten frei gemacht. Es lässt sie nun auf den Inseln der nördlichen Ägäis darben. Wenige werden von hier abgeschoben zurück in die Türkei (entgegen einem damaligen Plan, der vorsieht, für jeden abgeschobenen Flüchtling einen Syrer aus der Türkei in die EU einreisen zu lassen). Um jetzt dagegen auf das griechische Festland zu kommen, muss man besondes schutzwürdig oder gefärdet sein. Wer darunter fällt, das ist oft nur schwer nachvollziehbar und wird nach wenig transparenten, zum Teil immer wieder wechselndend Kriterien festgelegt – beklagen Anwälte, Juristen und Parlamentarier-Delegationen, die die Insel besucht und hier recherchiert haben.

Als Transitland im Meer zur Durchreise nach Europa gedacht, lernen Einheimische wie Flüchtlinge so zur Zeit das Warten. Zögerlich nur nähert man sich an. So verkümmern auch zahlreiche Talente der neu Angekommenen. Etwa das von Amer Ali, einem jungen Afghanen, der durch sportliche Erfolge und sprachliche Leistungen auf der Insel auf sich aufmerksam macht, desssen Fähigkeiten aber weithin verkannt bleiben, wie er beklagt.


Humanitär unhaltbare Zustände: in den Notunterkünften um das Lager Moria regnet es rein, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt auch in diesem Winter.

Diese Familie aus Kabul ist vor fünf Tagen und wartet auf ein Zelt im sogenannten Olive-grove. Der Olive-grove ist eine Ansammlung aus Notbehelfs-Zelten und Hütten, um das Lager von Moria herum. Rund 1.000 Menschen leben hier zwischen Olivenbäumen und auf kaltem Stein.

Das Lager Moria selbst mit seinen Containern kann nicht alle aufnehmen, ist für 2-3.ooo Menschen konzipiert und beherbergt zur Zeit etwa das 2-3 Fache an Flüchtlingen. Zur Zeit sind nach Angaben griechischer Medien 75 Prozent der Flüchtlinge auf Lesbos Afghanen.

Ein junger Flüchtling zwischen den notdürftigen Zelten des Olive-groves.

 

Nur scheinbare Mittelmeer-Idylle: Notbehelfs-Unterkünfte im Olive-grove von Moria.

Diese beiden Flüchtlinge aus Pakistan stecken seit August 2016 auf Lesbos im Lager Moria fest und warten auf eine weitere Anhörung, die über ihr Schicksal befinden soll.

Auch dies ist Moria. Zwei junge Helferinnen tanzen während der Kleider-Verteilung an bedürftige Flüchtlinge bei lauter Rock-Musik auf einem Container. Viele Hilfsorganisationen arbeiten mit Freiwilligen, sogenannten Volunteers, denen bei aller guter Absicht oft gelebte Erfahrung und Fingerspitzengefühl fehlen.

Nach wie vor gibt es viele Kleiderspenden aus der einheimischen Bevölkerung. Das Leben im Lager bleibt vielen der Bewohner zugleich unbekannt. Moria liegt 10 km außerhalb von Mytilene, ursprünglich ganz sicher auch, um den Tourismus auf Lesbos nicht sichtbar zu stören.

„Out of sight – out of mind“, wie kritische Bewohner anmerken. Die Tourismus-Branche der Insel beklagt Rückgänge von 80 Prozent, manchmal mehr. Umgekehrt kommt Geld auf die Insel durch die vielen Hilfsorganisationen.

Flüchtlinge drängen in den Bus am Tor zum Lager Moria. Eine Fahrt in die Stadt und zurück ist vielen Flüchtlingen zu teuer. Junge Männer gehen häufig 1-2 Stunden zu Fuß, um das wenige Geld, das ihnen zugeteilt wird, zu sparen.

In der Stadt bieten einige der  Hilfsorganisationen Sprach-Unterricht in Griechisch, Englisch sowie (einfache) Computer-Kurse. Arbeiten dürfen die meisten Migranten auf der Insel nicht.

Diese jungen Afghaninnen lernen in ihrem Zelt im Lager Moria. Vielen sind Bildungsangebote in der Stadt entweder nicht bekannt oder die Fahrt dorthin ist ihnen zu teuer.

 

Diese Hilfsorganisation verteilt Essen in einem Waldstück am Rand der Stadt an junge Flüchtlinge. Viele beklagen das schlechte Essen im Lager, mehr noch das stundenlange Anstehen für Mahlzeiten, die am Ende oft kalt sind.

Auch medizinische Nothilfe bemühen sich die Hilfsorganisationen bei der Gelegenheit anzubieten. Manche von ihnen,
beklaten die Stadtverantwortlichen, seien nicht registriert und zögen sich den Unmut auch der Einheimischen zu.

Taufe am Weihnachtsfest für zwei jungen Frauen aus Kamerun in der katholischen Kirche von Mytilene.

Ein Vater versucht am Hafen von Mytilene Fische zu fangen, mit seinen drei Kindern, ein häufig gesehener Versuch,
mit der Zeit umzugehen zwischen dem Verdammtsein zum Nichtstun und dem Versuch, den eigenen Kindern in Ermangelung von Freizeitangeboten etwas zu bieten.

Refugee Chic: Hier werden aus alten Rettungswesten, mit denen die Flüchtlinge aus der Türkei in Lebensgefahr übers Meeer gekommen sind, Laptop-Taschen und andere Träger-Teile genäht. Käufer sind zumeist Freiwillige und Helfer von Hilfsorganisationen. Fragwürdig ist, warum nur Flüchtlinge selbst diese Arbeit tun und es keine Europäer sind, die sich am Nähen der Teile mit beteiligen.

Ein Grab der unbekannten Flüchtlinge: Auf einem abglegenen Stück Land und zwischen Olivenhainen liegt in Kato Tritos ein improvisierter Friedhof für Flüchtlinge, die beim Versuch, das Meer zu überqueren, ums Leben gekommen sind. Hier zwei Kinder im Alter von 1 und drei Jahren, die Namen unbekannt.

Das ist die eine Seite. Die andere ist der wachsende Unmut der Einheimischen. Ausändische Reporter, die auf das Eiland kommen, waren bislang in erster Linie am Schicksal der Flüchtlinge interessiert. Auf sie sind die Menschen auf der Insel nicht immer gut zu sprechen. Ein Stück weit kann man sie sogar verstehen. Es erscheint also folgerichtig, wenn dieser exklusive Bericht auch Geschichten über Leben und Schicksal der einheimischen Bevölkerung spiegelt. Solche die prima vista mit den Flüchtlingen zu tun haben, und solche, bei deren Verbindung indirekter Natur ist. Das meint vor allem die wirtschaftliche Krise in Griechenland und auf der Insel, von der viele unverändert hart betroffen sind.

Vassilios fährt auf Lesbos Flüchtlinge zu seiner Arbeitsstätte und zurück. Er beschäftigt eine handvoll Migranten in einer kleinen Schänke und bietet freies Essen und Getränke. Sein Sohn hat ein Internet-Café für sie eingerichtet. Drei Jahre nach den Rekord-Flüchtlingszahlen auf Lesbos hat sich der Wind gedreht. Nur noch ein Teil der Einheimischen sieht sich zur unbedingten Hilfe verpflichtet. Denn die Krise setzt vielen Griechen selbst unverändert gehörig zu.

Etwa den vielen Oliven-Bauern auf der Insel, dem Hauptprodukt, von dem Lesbos lebt. 2018 viel ein Großteil der Ernte aus, weil Würmer die Oliven befallen haben.

Die finanzillen Verluste sind enorm, beklagt auch dieser Oliven-Fabrikant in Polichnitos.

Sieht aus wie Krieg – ist aber ein Erdbeben. Im Juni 2017 bebte die Erde. Auf Lebos starben Menschen. Vor allem das kleine Dorf Vrissa ging damals durch die Medien. Hier ist kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Bis heute ist von Wiederaufbau wenig zu sehen.

Ein Bewohner von Vrissa vor den Trümmern des Ortes. Sein Vater, 94-jährig, hat sein Stammcafé verloren. Die Familie wurde umgesiedelt in die nähere Umgebung.

Von der Türkei aus kommen auch im Winter jede Woche Schlauchboote mit Flüchtlingen, obwohl der EU-Türkei-Deal das verhindern soll. Ganz offenbar blüht immer noch ein Geschäft von Schleppern, das die türkischen Behörnden nicht ganz unterbinden können oder wollen.

Wandschmuck in einer Schneiderei in Ayasos, Lesbos.

Einer von einer halben Million: Über 500.000 Flüchtlinge sind seit 2015 auf Lesbos angekommen. Für die Meisten von ihnen bedeutet das im März 2016 zwischen der EU und der Türkei vereinbarte Abkommen den Verbleib auf der Insel, ohne klare Perspektive, wann und ob sie jemals auf das griechische Festland weiterkommen. Damit verbunden sind deutliche Mehrbelastungen für die Bevölkerung auf der Insel und die städtischen bzw. regionalen Strukturen, die diese immer weniger Schultern können. Die Bürgermeister der nord-ägäischen Inseln haben deshalb einen Notruf gestartet, schon vor Monaten, der allerdings ungehört geblieben ist.

Unverändert kommen Flüchtlinge von der nur wenige Kilometer entfernten türkischen Küstenseit. Offenbar
gelingt es den türkischen Behörden nicht, das Geschäft der Schlepper ganz einzudämmen. Vielleicht ist dies aber auch nicht erwünscht, so eine Vermutung. Im Hafen von Mytilene liegen griechische Küstenwache und Frontex mit Booten vor Anker. Sie rücken regelmäßig aus um Schlauchboote auf dem Seestreifen zur Türkei zu orten. In aller Regel, so heisst es, nähmen sie die Flüchtlinge auf und übergäben sie den Behörden auf Lebos, die sie direkt zur Registrierung nach Moria fahren. Frontex-Teams geniessen bei Flüchtlingen wie bei der einheimischen Bevölkerung von Lesbos dabei keinen guten Ruf. Von überheblichem Auftreten ist die Rede.