Mossul: Waffen schweigen, die humanitäre Katastrophe hält an

Mossul: Waffen schweigen, die humanitäre Katastrophe hält an

Mossul: Waffen schweigen, die humanitäre Katastrophe hält an

Im Irak kommt heute eine der intensivsten militärischen Auseinandersetzungen zum Ende (früher hätte man Schlachten gesagt), die wir seit dem zweiten Weltkrieg erlebt haben. Die irakische Regierung hat nun offiziell das Ende des IS-‚Kalifats‘ in Mossul verkündet und gefeiert. Allerdings gibt es in der Stadt offenbar noch Reste von bewaffnetem Widerstand. Will heissen: dieser Tag geht offiziell und öffentlich in die Geschichte des Kampfes gegen den IS ein. Zugleich ist er Ausdruck einer gehörigen Propaganda der letzten Wochen und Monate auf irakischer aber auch US-amerikanischer Seite, wie Beobachter selbstkritisch anmerken.

Angesichts der weiterhin überaus kritischen Lage – geschätzte 600-800.000 Menschen haben ihre Häuser und Heime verlassen müssen, waren oder sind nach wie vor auf der Flucht, viel davon in Flüchtlingslagern die ich besucht habe, und keineswegs bereit den erstbesten Rufen nach Rückkehr zu folgen – angesichts dieser Tragödie gibt es wie immer auch Momente der Ironie:
So bin ich zum zweiten Mal binnen weniger Monate für den Deutschlandfunk/DeutschlandRadio als freier Korresondent vor Ort. Das erste Mal im Oktober, kurz bevor die Offensive gegen den IS losging; das zweite Mal jetzt wo das sog. IS-‚Kalifat‘ fällt: Beide Male hat man sich in den Redaktionen zuhause nicht für meine Angebote zum Live-Gespräch interessiert. Ich konnte kommentieren, allerdings erst am Tag danach, da hatten die Meisten schon ihre Tinte zu Papier gebracht. Das ist bemerkenswert. Und scheint einen Trend zu treffen: gemessen an der Bedeutung des Kampfes um Mossul für die Region ist relativ wenig in deutschen Medien bereichtet worden. Die Berichte deutscher Leitmedien wie ZEIT oder SZ kommen zu den Ereignissen nicht aus der Region Mossul/Erbil sondern aus Kairo, zum Teil auch aus München. Dabei wird oft nur auf den IS abgehoben. Erschöpft sich hier, was Beobachter wie der Philosoph Peter Sloterdijk eine Hysterie nennen, die der Semiotik und den Parolen der Extremisten auf den Leim geht? Oder liegt es an der Vielzahl von Krieg- und Konfliktherden, die man den heimischen Lesern nur noch in Dosen zumuten will?

Wenig dagegen wird verwiesen auf die militärische Rolle von irakischer Armee und US-Luftbobmardements, die gleichfalls für viele zivile Opfer verantwortlich sind und über deren (un)verhältnismäßigem Gewalteinsatz die UN-Mission im Irak und Menschenrechtsorgansationen – ohnmächtig – seit Wochen nur auf dem Papier verweisen können. Wenig Erwähnung findet auch, dass der eigentliche Sieger der Iran sein könnte. Er gewinnt, weil mit vielen der PMU-Milizen jetzt um Mossul positioniert, weiter an Einfluss und kann seine geostrategische Achse von Bagdad in Richtung Syrien und Libanon ausbauen. Die Folgen im Detail sind noch unabsehbar. Zugleich stehen diese Milizen für Vorboten eines Streites um die Beute und territorialen Forderungen der verschiedenen Gruppen über Mossul, die bald ausbrechen werden.

Eine weitere Ironie: ich selbst habe nicht aus dem Zentrum von Mossul berichten können in diesen Tagen. Es herrscsht eine Zweiklassengesellschaft. Zwischen jenen, die die Preise zahlen können, die kurdische Journalisten-Begleiter, sogenannte Stringer, Fixer oder Übersetzer in diesen Ausnahmetagen verlangen, und jenen – v.a. freie Autoren – die dieses Spiel nicht mitgehen können oder wollen. Tagesgagen von 600-800 USD/Euro pro Tag können sich vor allem internationale Fernseh-Teams leisten, zumal  es Tage gibt, an denen selbst für die gut vernetzten Stringer/Fixer kein durchkommen ins Zentrum der Stadt ist. In den Händen der irakischen Armee, so heisst es immer wieder, liege viel Willkür, gepaart mit einer gehörigen Vorsicht in diesen Tagen.
Was liegt also näher, als mit einem kurdischen Kollegen seine Quellen und Aufnahmen zu teilen, wenn dieser am Abend zurück im kurdischen Erbil ist, von wo die meisten Reporter jeden Morgen ihre Reise nach Mossul antreten.
Heute hat Rodi Lehrbücher des IS aus dem zerstörten Mossul mit zurückgebracht. Gekauft, wie er betont, im Auftrag und mit dem Geld von Wissenschaftlern, die sich jetzt an die Auswertung machen wollen. Englisch-Bücher bzw. -skripte sind darunter (s. Bild), die beim ersten Durchblättern, allerdings keine Hinweise auf bekannte Dschihad-Narrative liefern. Was nicht heisst, dass es diese nicht auch in Englisch-Büchern in Mossul gegeben hat. Es fallen mir Parallelen zu Afghanistan und den Taliban ein: auch am Hindukusch haben Medien ähnliche Funde gemacht, wobei sich die Extremisten in einigen Fällen nicht die Mühe von Neudrucken gemacht, sondern altes Material benutzt haben.

Rodi, der ursprünglich aus Syrien kommt, ist ein aufmerksamer Beobachter seiner ausländischen Kollegen und nach vielen Monaten der Fahrten nach Mossul mit Vielem vertraut. Hier sind einige seiner Beobachtungen, auf Fragen, die ich ihm vor allem über den weitgehend zerstörten Ostteil von Mossul mit seiner Altstadt gestellt habe:

„Die Altstadt von Mossul, vor allem der westliche Teil, grenzt an totale Zerstörung.
 Alles liegt in Ruinen. Man kann den Tod riechen. Vielerorts liegen tote Körper herum, menschliche Kadaver. Oder Körperteile ragen unter den Ruinen hervor. Die Menschen starren einen an mit ihren Augen. Sind total erschöpft. Ausgemergelt. Oft bestehen sie nur noch aus Rippen und ausgehungerten Gliedern. Das ist traurig anzuehen. Es zeigt auch wie ernst die Lage ist. Wer sich retten kann, verlangt zuallererst nach Wasser und etwas zu Essen. Die Menschen blenden die Todesgefahr erst einmal aus, so überwätigend sind ihr Durst und ihr Hunger. Bei vielen tritt der Brustkorb auffällig stark hervor aufgrund der Unterernähung der lethten Tage und Wochen. Viele Menschen leben auf der Strasse, ohne ein Dach über dem Kopf.. Du verlierst beim täglichen Anblick daran deine üblichen menschlichen Instinkte. Alles wird zu einer merkwürdigen Routine.
Es hat viele Bombardierungen aus der Luft gegeben durch US-Militär. Manchmal ware die Einschläge nur wenige Meter von uns entfernt. Zugleich gab es ein hohes Risiko von friendly fire. Das heisst, das irakische Militär und alle, die gegen den IS kämpfen, mussten aufpassen, dass sie sich nicht gegenseitig erschiessen.

 (…) Die irakische Regierung hat keinen Plan, um Leben und Wiederaufbau in Mossul zu sichern. Das Ausmass der Katastrophe scheint mir sogar derart gross, dass ich vermute, dass die irakissche Armee daran scheitern wird. 

(…) Die Menschen haben nach wie vor Angst, dass der Islamische Staat zurückkehren könnte. Sie haben aber auch Angst vor den Verhältnissen, wie sie vor 2014 waren, bevor der IS kam. Da haben irakische Sicherheitskräfte die Menschen auch unterdrückt und erniedrigt, anders natürlich, was zu Konflikten zwischen Schiiten und Sunniten geführt hat. Unterdrücker sind immer jene, die die Macht haben … (…) Das US-Militär hat im Kampf um Mossul zugelassen, dass sich viele lokale Milizen bilden konnten. Pb lokale Politiker, Parlamentarier oder Stammesführer – allen hat man erlaubt, sich mit Waffen einzudecken. Und man hat diese Milizen mit staatlichen Geldern bezahlt. Die Folgen? Jetzt gibt es zunehmend Konflikte zwischen diesen Milizen. (…)
Es gibt keinen grundsätzlichen Unterschied zu Aleppo und der Tragödie, die wir in Syrien gesehen haben. Für die Menschen und die Jugend von Mossul wird es schwer, in Zukunft überhaupt noch einmal zu träumen und ihrem Leben eine Perspektive zu geben.

“

Rodi und weitere kurische und arabische Journalisten, die ich sprechen konnte in diesen Tagen, haben auch vom zunehmenden Ausmaß von Lynchmorden und Selbstjustitz erzählt, die sie beobachtet oder aus zweiter Hand erfahren haben. Rache an mutmaßlichen IS-Symphatisanten. Die Revanchegelüste richten sich gegen ganze Familien, sofern diese im Verdacht stehten IS-Kämpfer in ihren Reihen gehabt zu haben. Hashd al-Shaabi Kämpfer sollen in Vororten von Mossul Häuser mit der Bezeichnung IS versehen haben um so ganze Familien der Rache der Nachbarschaft auszusetzten. All dies wird sehr wahrscheinlich dazu beitragen, das Mißtrauen zwischen Sunniten und Schiiten zu belben. Nichts weisst zugleich darauf hin, dass die irakische Armee oder die von den USA angeführte Anti-IS-Koalition angemessene Antworten darauf hat oder gar ein Konzept zum Umgang mit diesen Gewaltausbrüchen. Dies könnte die Saat für erneute bürgerkriegsähnliche Verhältnisse sein, unken Beobachter bereits. Um möglichen Lynchmorden zu entkommen, vernichten viele die verdächtigt werden ihre Pässe und Papiere, rasieren sich die Bärte ab, um in der Masse unterzugehen. Das gelingt in einigen Fällen, in anderen nicht. Wir Deutschen kennen solche oder ähnliche Geschichten und Verhaltensweisen vom Ende des zweiten Weltkriegs.

In den zahlreiche Flüchtlingslagern im Umland von Mossul, den kurdischen Gebieten von Erbil, Duhok und Kirkuk begegnen sich Täter und Opfer auch Zelt an Zelt. Irakische und kurdische Geheimdienste haben umfangreiche Informationen angehäuft, selbst und gerade über minderjährige und alleinstehende Flüchtlinge, von denen es viele in den Lagern gibt. Es gibt Familien, die ihre 16-18jährigen Söhne von der Familie fortschicken, weil die Last sie zu ernähren zu gross wird. Zugleich sollen sie Arbeit finden und die Familie entlasten. Auch junge Mädchen, die Töchter dieser Familien, werden aus ähnlichen Gründen jung und minderjährig verheiratet. Ein Faktum, gegen dass UN und Menschenrechtsorganisationen zu Recht angehen – auch hier oft erst einmal ohnmächtig angesichts der Not und Last der sozialen Praxis.

Weil die kurdische Regierung trotz Wirtschaftskrise im Nordirak aktuell weit mehr als 1 Million Flüchtlinge beherbergt, versucht die Regierung in Erbil jetzt die Reissleine zu ziehen und kündigt weniger Hilfen für die Flüchtlinge an, zunächst für solche ausserhalb der Lager an. Das betrifft z.B. syrische Familien, in Erbil und Duhok. Aber auch in den Flüchtlingslagern, so der Anschein, werden Angebote und Kommunikation zurückgefahren.
Akut fehlt es an Strom, beklagen so gut wie alle Flüchtlinge. Bei sengender Hitze von 47 Grad im Schatten, 60 Grad in der Sonne häufen sich im Lager Debaga z.B. Berge aus Müll und Abfall an inmitteln der Zelte. Das Risiko von Krankheiten und Ansteckungsgefahr wächst so. Zugleich klagen Menschen über ungenügende ärztliche Behandlung, immer seltener seien sie in öffentliche Krankenhäuser zugelassen. Für Babies und Kleinkinder wird die Hitze zu einer existenziellen Gefahr. Mütter bedecken sie an den wenigen Stellen und Räumen, die Schatten bieten, mit nassen Tüchern, die sie vorher alle 10 Minuten in Wasser tauchen. Wie Leichentücher bedecken, damit ihre Kleinen damit, so dass sie nicht austrocknen.

Der IS scheint im Irak nun geschlagen, operiert aber in mehreren Regionen des Landes weiter und in Syrien so wie auch international. Ein Comeback in neuer Form ist also nicht augeschlossen, vermutlich wahrscheinlich, denn:
-alle Probleme der Region, die den IS gross gemacht haben seit 2014 bestehen fort: Armut, korrupte Regime, zerrüttete Staaten, die Spaltung zwischen Schiiten und Sunniten, Interventionen des Westens
-um zu verhindern, dass der IS erneut erstarkt, müsste jetzt der Wiederaufbau vorangetrieben werden, mit einer funktionierenden Verwaltung. Das scheint ebenso wenig in Sicht wie ein Plan, die Bevölkerungsgruppen und Religionen in Mossul und der Region, Sunniten/Schiiten, aber auch Christen, Jesiden und Kurden miteinander auszusöhnen.

Im südlich von Mossul gelegenen Bezirk Hawija, der direkt an die kurdische Provinz Kirkuk grenzt, herrscht noch immer der IS.  Davon konnte ich mich auf meiner Fahrt nach Kirkuk überzeugen. Yacinn 
Sabawi, ein Journalist, der noch unter dem IS aus Hawija einige Monate lang versucht hat kritisch zu berichten und dafür verfolgt wurde, spricht von der anschließdenen Flucht seiner Familie „ähnlich wie auf dem Meer zwischen der Türkei und Griechenland“. Wobei das Meer hier offenbar als Synonym steht für das Niemandsland steht, in dem die Flüchtenden den IS schon hinten im Rücken haben und das rettende Ziel noch nicht vor Augen.
Sabawi ist, wie er belegen kann, schon vor der IS-Herrschaft, während der Regierung Al-Malikis in Hawija für die Meinungsfreiheit auf die Strasse gegangen. Er sieht vor allem zwei Gründe, warum der IS hier dort unverändert walten kann: die Uneinigkeit der Führungen in Baghdad und Erbil, gemeinsam gegen den Feind vorzugehen. Fehlende Bildung und Manipulierbarkeit angesichts einer überwiegend ländlichen Bevölkerung in Hawija.

Die eindringlichste Reportage zu den Kämpfen um Mossul, die ich in deutschsprachigen Medien in den vergangenen
Tagen gelesen habe stammt von Cédric Rehman und ist in der taz erschienen (hier).

‚Zusehen verbietet sich‘ / Mein Kommentar im Deutschlandfunk zum Ende des sog. IS-‚Kalifats‘ ist hier.

„Das Ende des sogenannten IS-Kalifats in Mossul ist eine der größten Schlachten seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Zwischen 600.000 und 900.000 Menschen hat der neunmonatige Kampf zur Flucht gezwungen. Tausende Zivilisten sind den Gefechten und Bomben des IS, aber auch den Luftangriffen von Amerikanern und der Anti-IS-Koalition zum Opfer gefallen. Die historische Altstadt von Mossul, in der neben Sunniten und Schiiten auch Kurden, Jesiden und Christen lebten, wird Jahrzehnte brauchen, um aus den Ruinen wieder aufzuerstehen.
Ob und wie schnell die Menschen sich trauen zurückzukehren, hängt davon ab, ob es der irakischen Armee gelingt, keine religiösen und ethnischen Vorurteile zu schüren, was schon einmal in Gewalt geendet hat. Erste Lynchmorde in Mossul zeigen an, dass ein Durst nach Rache in der Luft liegt. Eine Stimmung, die von schiitischen Milizen im Dienste Teherans bestärkt wird. Für das Regime im Iran, so fürchten etwa die Kurden, könnte Mossul nur eine Station sein im strategischen Spiel um mehr Macht in der Region. Was Teheran im Auge hätte, wäre ein Bogen auf der Landkarte, der von Bagdad über Mossul bis nach Syrien reicht.
Angesichts all dessen scheint es bemerkenswert, wie wenig Platz Mossul in den westlichen Medien eingenommen hat zuletzt. Denn Mossuls Bedeutung für die Region ist nicht geringer als die von Aleppo etwa: Im Irak, nicht in Syrien hat der IS seine Wurzeln.   
Am Ende ist der IS mit dem Untergang seines Kalifats noch nicht, sagen Experten. Neue Gewalt auch im westlichen Ausland könnte die Folge sein. Eine Art IS 3.0, auch, in Struktur und Perfidie noch einmal verjüngt und erneuert. Auch weil der IS in Mossul eine ganze Generation von Jugendlichen in den Schulen über Jahre einer Gehirnwäsche unterzogen hat, die nicht einfach ausradiert werden kann, sagen die Menschen in der Stadt.
Die Waffen schweigen jetzt in Mossul – die humanitäre Katastrophe aber dauert an. In mehreren Flüchtlingslagern fehlt es an genügend Ärzten, Psychologen und Strom. Bei zur Zeit 47 Grad im Schatten und einer Hitze, die selbst robuste Zelte zerfasert, suchen Mütter mit ihren Babys hilferingend Schutz im kleinsten Schatten. Sie bedecken ihre Babys mit feuchten Tüchern, wie tote Leiber. Denn ohne die feuchten Tücher trocken die Babykörper rasch aus.
Zusehen verbietet sich also. Aber Hilfe für die Opfer von Mossul will gut bedacht sein. Rund eine Milliarde Euro, so hört man, betragen zuletzt verschiedene Hilfen von deutscher Seite für den Irak. Damit sie sinnvoll eingesetzt ist, braucht es einen langen Atem statt kurzzeitiger Hilfsmaßnahmen. Sonst ist alles umsonst.“