Being a Jury in Kabul: Herat International Women’s Film Festival

Being a Jury in Kabul: Herat International Women’s Film Festival

Being a Jury in Kabul: Herat International Women’s Film Festival

Together with Iranian Award winning film director Rakhshan Bani Etemad, Spanish documentary filmmaker Alba Sotorra and Indian Human Rights Activist Ananya Chkraborti, I have been part of the recent jury in the HERAT International Women’s Film Festival in Kabul/Afghanistan from August 26th-29th.

Below is a short account (in German language) of what the festival is about and why, parallel to the ongoing talks between the US and the Taliban about a military withdrawal and a potential peace deal, this years festival has a special meaning and importance with regard to women’s rights, freedom of media and freedom of expression.
The facebook site of the festival is (here) or www.facebook.com/afghanistanwomenfilmfestival)
for previous editions of the festival see here (or www.hiwff.com)

Nach zwei Jahren Pause hat in dieser Woche in Afghanistan zum fünften Mal das Internationale Heart Frauen-Film Festival stattgefunden. Dass Eröffnung, Preisevergabe und alle grösseren Events des Festsivals in Kabul stattfannden hat organisatorische aber auch Sicherheits-Gründe.
In Europa haben wir von den vorigen Ausgaben des Festival nicht oder kaum Notiz genommen. Natürlich wegen der immer gleichen, negativen Schlagzeilen vom Hindukusch. Suggeriert wird eine permanente Armut an kulturellen Veranstaltungen in Afghanistan. Das HIWFF stellt diesem westlichen Narrativ eine vitale, junge Generation an Filmemachern und Filmemacherinnen entgegen, dazu die Wiederentdeckung eines Publikums, das sich trotz grosser Risiken in die wenigen Kinosäle von Kabul wagt. Die Message ist klar: Ja, es gibt eine rege Filmwelt in Afghanistan. Und ja, afghanische Filme können international durchaus mit konkurrieren, auch wenn vor allem bei abendfüllenden Produktionen viele Luft nach oben ist.
Soweit ich mich umgeschaut habe, bin ich der einzige westliche Journalist auf diesem Filmfestival gewesen. Und das in doppelter Rolle, weil auch als Mitglied der internationalen Jury für Dokumentarfilm angefragt und eingeladen:

Eröffnung des Festivals mit rotem Teppich am 26. August: es sind vor allem die Blicke in junge Gesichter, enthusiastische Augen, als könnten Leinwand und cineatische Erzählungen das reale Unglück, das allerorts sichtbar ist, für einen Moment zähmen. Die jüngsten Regisseure/innen sind gerade mal volljährig. Frauen angereist aus Bamiyan und verschiedenen Provinzen, wo sie als Autoren und Autorinnen ohne Budget (besonders nach dem Abzug ausländischer Hilfs- und Kultur-Organisationen) Filme drehen.

Rund 60 Filme, ein guter Teil davon afghanische Produktionen mit bekannten Themen: Gewalt in der Familie, Underdrückung von Frauen, individuelles Erwachen, Träume von einem anderen Leben. Die fiktionalen Stoffe gewohnt gesellschaftsnah. Von gestohlener Jugend aber auch von Aufbegehren, der Lust am Hinterfragen der Verhältnisse ist die Rede. 
So versteht auch Roya Sadat, die Begründerin des Festivals, den Auftrag  des Festivals. Dass sie eine Jury aus u.a. international renommierten Filmgrössen wie der Iranerin Rakhshan Bani Etemad am Start hatte, spricht für das Festival. Natürlich ist es zusätzlicher Stress und Anspannung, die ausländischen Gäste ebenso in Sicherheit zu wissen über die Festival-Woche.

Film zu drehen als Frau – das bedeutet in Afghanistan v.a. gesellschaftliche Risiken eingehen. Regisseurin sein birgt von Anfang an die Möglichkeit, in Familie und privatem Umfeld ausgegrenzt zu werden. Oder Finanziell nicht auf eigenen Füssen stehen zu können. Sich zum Gespött der Öffentlichkeit machen auch. Die Gefahr des Scheiterns ist sozial wie künstlerisch real, auch angesichts fehlender Vorbilder in Medien und Gessellschaft.

Insofern ist Roya Sadat, international vielfach ausgezeichnet als Woman of Courage, afghanische Ikone und Rollenmodell zugleich. Und unverändert eine Ausnahme. Sie ist auf ihren eigenen Erfolg bedacht (Ihr letzter Film, A letter to the President, war Afghanistans Beitrag im Wettrennen um die Oscar-Filme und wurde in Locarno und andere Festivals gezeigt bzw. prämiert), aber zugleich auf das Fortkommen und Sich-Wider-Finden einer afghanischen Filmkultur und -Industrie. Sadat hat es vertanden, viele einflussreiche Personen hinter sich zu schaaren, Männer wie Frauen, und dabei eine afghanische Feministin zu bleiben: in sich ruhend, clever und kompromissbereit bzw. pragmatisch wenn es sein muss.
Die Drehbücher schreibt sie zusammen mit ihrem Mann Aziz.
 Ihre Filmfirma beschäftigt heute mehr als ein Dutzend Angestellte. Zusammen drehen sie erfolgreich Serien im afghanischen Fernsehen. Ihr Arbeitsethos steht dem westlicher Kolleginnen in nichts nach. Roya Sadats Leben in den letzten 15 Jahren wäre für sich einen Dokumentarfilm wert. Zu hoffen ist, dass die Arbeit eine afghanische Handschrift trägt. Zu offensichtlich sind in der Regel die Exotismen, mit denen viele westliche Autoren arbeiten.

Die bekannte iranische Regisseurin Rakhshan Bani Etemad war zum zweiten Mal in die Jury des Festivals nach Kabul geladen. Und Alba Sotorra, eine spanische Dokumentarfilmerin, die zur Zeit im kurdischen Teil Syriens dreht, sowie Ananja Chakraborti, indische Menschenrechts-Aktivistin und Frauenrechtlerin. Ich fand mich in der Jury für den Dokumentarfilm wieder. Roya Sadat hatte ich 2005 als vermutlich erster Europäer auf unser Afghanistan-Filmfest in Köln eingeladen. Von dort nahm sie zahlreiche Anstösse für ein Festival am Hindukush mit, unabhängig wohlgemerkt, also ohne Organisationen und Hilfsgelder, die eine politisch-humanitäre Richtung vorgeben.

Ein Novum diesmal: Das Festival expandiert in das Land hinein. Neben Kabul und Herat (wo die ersten drei Ausgaben stattfanden) jetzt auch Bamiyan und Jalalabad, die paschtunische Metropole im Nordosten, an der Grenze zu Pakistan. Bemerkenswert, weil hier Kultur und Film weitgehend männlich geprägt sind, weibliche Regisseure absolute Ausnahmen bleiben. Auch haben es bisher nur sehr wenige paschtunische Filme auf das Festival geschafft. Ich selbst habe 2011 ein Seminar über Story telling im Dokumentarfilm in Jalalabad gegeben. Es waren damals ausschließlich Männer unter den 25 Teilnehmern. Weibliche Autorinnen haben es in dem sehr traditionsbewußten Werteraster der paschtunischen Gesellschaft oft schwerer als in Herat oder Kabul. Deshalb ist es erklärtes Ziel der Festivalmacher, in Zukunft auch paschtunische Regisseurinnen mehr teilhaben zu lassen und sie zu Filmproduktionen zu animieren.

Eines von drei Kinos in Jalalabad, der Vorführsaal eines Kulturzentrums, war die vier Tage des Festivals über immer voll, mit mehrheitlich Frauen im Publikum, wie mir berichtet wurde. Die weiteren Vorführorte, zwei öffentliche Kinos in der Stadt, hatten dagege eher durchwachsenen Besuch, wie mir der Leiter der örtlichen Kulturbehörde sagte. Allein die Filmplakate vor den Kinos mit der Ankündigung internationaler Filme, den Bildern und bunten Konterfeis von Frauen ohne Kopftuch waren ein Renner an und für sich. Sehr wahrscheinlich sind sie alsbald zur Beute cinephiler junger Männer geworden, die damit ihre Wand Zuhause schmücken.

In Kabul wurden die Festival-Filme in drei Kinos gezeigt, darunter einem Kinosaal der prioritär für Familienbesuche reserviert ist. Eine alte afghanische Tradition aus der Zeit vor den Kriegen. Es ist nicht der erste solche Anlauf nach 2001 und dem Fall der Taliban, die bewegte Bilder, Tanz und Musik öffentlich verbannt hatten, Kinobesuch als Familien-Event wieder gesellschaftsfähig zu machen. Ein erster Versuch war an zu zahlreichen Halbstarken und fehlender Aufsicht für Sicherheit für die Familien gescheitert. Ob dieser zweite Versuch gelingt, ist eine von vielen Fragen, nicht zuletzt angesichts der Taliban, die zurück in die Mitte der Gesellschaft drängen. Naturgemäß wirft dies vielerlei Fragen für das weitere Bestehen des Festivals auf.

Der Sicherheitsaufwand für dieses Festival war hoch und teuer. Einige Kinos verlangten offenbar überdimensionierte Saalmieten. Der Kino- und Theatersaal der Universität Kabul an der Fakultät der Künste und der daneben gelegene Vorführsaal des American Center der Kabuler Universität hatten es da einfacher, denn die Eingänge zur Uni sind per se bewacht und sorgen für eine relative Kontrolle wer ein und ausgeht.

Noch immer bilden Kurzfilme das Gros der nationalen Produktion. Abendfüllende Filme wie A 1000 girls like me, die Geschichte einer jungen Frau, die mehrfach von ihrem eigenen Vater vergewaltigt wird und vergeblich wartet, dass das Urteil gegen ihn rechtskräftig wird, sind Ausnahmen. Lange Erzählstrecken und dramaturgische Bögen eine Erfahrungssache. Unter den waltenden Umständen ist ohnehin kaum Geld und Budget da für längere Produktionen. 
Roya Sadat hat selbst für ihr Erfolgswerk A letter to the President sieben Jahre lang Geldgeber im In- und Ausland gesucht. Am Ende steckte sie, wie viele andere, unzäghlige private unbezahlte Arbeitsstunden in ihr Werk, das schwer in Geld aufzuwiegen ist. Ihr Mann, ebenfalls Filmemacher und Schauspieler, war für seinen Master-Abschluss vorrübergehend in China. In der Zeit versorgte Sadat mit Kind und Haus alleine – und drehte weiter. Zeitweise mit einer Pistole am Set.

Nun kommen womöglich die Taliban zurück an die Macht – ein Alptraum für ein Frauenfilmfestival.
Roya Sadat macht kein Hehl daraus. Vielleicht, so sagt sie ironisch, könnten wir in Zukunft nur noch Frauen einladen und unter Ausschluss von Männern Filme zeigen. Klar ist: auf die Strasse gehen, demonstrieren ist in Afghanistan kein Mittel der Wahl. Zu gross die Gefahr, verletzt oder gar nicht wieder lebendig daraus hervorzugehen. Bei der Anzahl öffentlicher Medien – allein über 90 TV-Sender und 50 Radio-Stationen allein in Kabul – die modern, bunt, laut und manchmal betont kritisch – daherkommen, ist ohnehin absehbar, dass den Taliban dies ein Dorn im Auge sein dürfte. Wie sie darauf reagieren, wenn sie mit zur neuen Macht in Afghanistan gehören, weiss keiner im Detail.
Die Macher des Filmfestival scheinen aber auch darauf gefasst. Die vielen jungen Filmemacher und Filmatorinnen, die auch das Bild auf der Abschlussfeier prägten, sehen jedenfalls nicht so aus, als würden sie ihre Drehbücher wieder in der Tasche verschwinden lassen, jetzt wo jener Teil der afghanischen Gesellschaft, der die (schweigende) Mehrheit darstellt weiter auf Fortschritt durch alle Art von Geschichten auf der Leinwand plädiert.