Not Nino: Georgien zwischen Hoffnung und Tragödie

Not Nino: Georgien zwischen Hoffnung und Tragödie

Not Nino: Georgien zwischen Hoffnung und Tragödie

Nicht die Bücher von Nino Haratischwili haben sich auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse am Besten gemacht. Der Frankfurter Buchladen Land in Sicht verkaufte am Eingang zum Pavillon des diesjährigen Gastlands Georgien den Großteil der über 150 georgischen Neuerscheinungen an Messebesucher. Der Renner beim Publikum dabei war Nana Ekvtimishvilis Roman Das Birnenfeld. 
 Die erfolgreiche Film-Autorin (Die langen hellen Tage) lässt in ihrem Debüt Kinder und Jugendliche aus einem Internat für kognitiv und physisch beeinträchtigte Menschen auftreten. Die Jungendlichen sind Täter und Opfer zugleich. Sie provozieren und vergewaltigen einander. Zugleich sind sie die vernachlässigte Brut einer Sowjet-Ära, auf die Bürgerkrieg und Gewalt folgten. Heute steht beides sinnbildlich für eine Gesellschaft, die dabei ist, ihr Arsenal an Therapie- und Beratungsangeboten im heutigen Tbilissi aufzustocken.

Während die offizielle Aufarbeitung der jüngsten Zeitgeschichte mit zwei (mitverschuldeten) Kriegen um Georgiens Regionen Abchasien und Süd-Ossetien schleppend vorangeht, mischen sich eine Reihe von Autoren kritisch in die Debatte ein. Parabeln und Allegorien auf die Zerstörung von Kindheit und Familie, die Beschreibung von Krieg als strukturellem Hindernis der condition humaine bilden dabei wiederkehrende Figuren, in deren Rahmen sich der deutsche Leser ebenso tastend wie neugierig einlassen wird.

Es sind keine neuen, nur andere Farben der georgischen Tragödie. Nino Haratischwili hat sie bereits in 8 Leben mit ihrer literarischen Fahrt durch das sowjetisch-georgische Jahrhundert beschrieben. Der Autorin schien zu Anfang der Buchmesse ihre Doppelrolle als Deutsche und Georgierin, als Werbe-Ikone aus Tbilissi und Erfolgsautorin aus Hamburg eher Last als Freude zu sein. Eindringlich warb sie um die vorbehaltlose Anerkennung ihrer (mindestens) zwei Identitäten an die deutsche Öffentlichkeit. An ein Deutschland, das immerfort das Eindimensionale zu suchen scheint. So als sei Germania von der Komplexität globaler Biografien im 21. Jahrhundert überfordert. Die Bayern-Wahl, die nicht zufällig an diesem Sonntag mit dem Ende der Frankfurter Buchmesse zusammenfällt, und die vermutlich das Ende der deutschen (Parteien)Landschaft einläutet, wie wir sie kannten (so zumindest die Auguren), steht dafür Pate.

Haratischwilis Ruf nach frischer Luft zum Atmen gipfelt in dem Lamento und der Bekenntnis „unentwegt zu analysieren und zu sezieren“ warum sie auf Deutsch schreibe, obwohl sie geborene Georgierin sei. Weil Deutschland eben deutsch ist, besitze sie nur einen Pass: den Deutschen: „Das deutsche Recht erlaubt mir nicht, beide Pässe zu behalten, beides zu sein, obwohl die Gesellschaft täglich von mir hören möchte, wie georgisch ich im Deutschsein bin. Ich wünsche mir, dass meine Tochter beides sein kann, selbstverständlich und ohne sich erklären zu müssen.“


Von dieser Seite her war Haratischwilis Wahl und Beitrag als Gesicht Georgiens für die Buchmesse ohne Frage ein adäquates, notwendig Ausrufezeichen. Ihr neues Buch Die Katze und der General sprengt dabei den Rahmen Georgiens. Es lässt die Erinnerung an den Tschetschenien-Krieg aufleben. Fiktive Geschichten von Moralverfall und Verlust an Menschlichkeit, die auch in Syrien oder Afghanistan spielen könnten. Aber gleichwohl Bezüge zu Georgien haben. Denn rund 10.000 Menschen, überwiegend islamischen Glaubens, sind in beiden Tschetschenien-Kriegen nach Georgien geflüchtet. Mit welchen Folgen für das mehrheitlich christlich-orthodoxe Georgien habe ich in einem Gespräch mit Naira Gelaschwili, der Begründerin des Kaukasischen Hauses in Tbilissi, dieser Tage festgehalten. (siehe hier).

Ist Georgien – wie es Messe und Politik dieser Tage gerne sagen – angekommen in Deutschland und Europa? Und: sind wir Deutschen endlich angekommen in Georgien? Die zahlreichen Übersetzungen vom Georgischen ins Deutsche bieten jedenfalls erstmals die Möglichkeit eines massiven Kulturtransfers für sämtliche deutschsprachigen Länder und Leser in Europa. Deutsche Verleger und Verlage (der georgischen Sprache und Schrift in der Regel nicht kundig bis heute) haben dabei lange ihre Skepsis nicht verhehlt, ob und inwieweit Georgien für den deutschen Buchmarkt überhaupt konsumierbar sei.

Dass es am Ende zu mehr als 150 Übersetzungen ins Deutsche gereicht hat, hat auch damit zu tun, dass der Gastland-Auftritt Georgiens ein hochsubventioniertes Spektakel ist. Keiner der deutschen Verlage hat dabei in Übersetzungen investieren müssen. Die finanziellen Risiken dieses Großversuchs im Westen literarisch anzudocken, hat allein Georgien getragen. Umgerechnet rund 15 Millionen Euro, womöglich etwas mehr, aus den Händen des georgischen Regierungsapparats, der für Ineffektivität und Korruption bekannt ist in der Vergangenheit. Ein Betrag, der nicht nur aufgrund der enormen Armut, die in Georgien herrscht, dort mehr als einen Kritiker auf den Plan gerufen hat. Ob es sich auszahlt für deutsche Verlage, müssten die nächsten Jahre zeigen. Bisher gelten gerade eine Handvoll Autoren auf dem internationalen Markt als etabliert, wobei Verlage wie Feuilleton einige schreibende Talente aus dem südlichen Kaukasus gerne übersehen.

Für deutschsprache Verlage und Verleger, Leser und Konsumenten geht es darum, Unkenntnis und Befangenheit, ja kulturelles Analphabetentum über den südlichen Kaukasus hinter sich zu lassen. Aka Mortschiladse, der neben Nino Haratischwili bekannteste Autor, brachte es auf den Punkt, in dem er an die Adresse der (West)Europäer sagte: wir kennen euch und haben eure Werke gelesen, weil wir eure Sprache und Schrift kennen und unsere Kultur an euere grenzt, sie Teil von ihr ist. Ihr aber kennt bis heute weder unsere Schrift und unsere Sprache, noch kennt ihr unsere Geschichte. Das saß!

Dass und wie man untereinander fremdelnde Seiten zusammenführen kann, zeigt im Raum Frankfurt seit Jahren der Literatur-Salon Euterpe, der nicht zufällig zur diesjährigen Buchmesse sein 10-jähriges Jubiläum feierte. 2008 hatte alles begonnen, auf den Trümmern des Krieges um Süd-Ossetien. Ein kleiner Kreis um die Frankfurter Professorin für Kaukasus-Wissenschaften und -Sprachen Manana Tandaschwili hat seitdem in über 130 Lesungen Übersetzungen hervorgebracht und neue Autoren bekannt gemacht, weit bevor die Frankfurter Buchmesse das Thema für sich entdeckt hat. Sie stellte auch ein Teil des Teams, das den Georgischen Pavillon in Frankfurt am Laufen hielt. Dieses um das Georgian National Book Center ergänzte Team hinter den Kulissen, bestand fast ausschließlich aus Frauen. Rund 30 an der Zahl. Kein Mann an führender Stelle, wenn man einmal absieht von den angereisten Ministern der georgischen Regierung. Die Männer durften sich auf repräsentativen Posten aufspielen, während die Frauen dahinter die Dinge in die Hand nahmen, kommentierte ein langjähriger deutscher Beobachter die Lage und nannte Georgien ein „Schein-Patriarchat“. Die Vokabel versucht zu dekonstruieren. Aber die gelebte Erfahrung, wie man sie aus dem Mund junger georgischer Autorinnen vernimmt, scheint mit ihrer gelebten Erfahrung dagegen zu stehen.

Etwa die junge Autorin Tamta Melashvili, USA-erfahren und Aktivistin für Gender-Fragen wie Frauenemanzipation. Sie ist für ihre neue Recherche nun bei Bertha von Suttner angekommen. Die deutsche Frauenrechtlerin hat neun Jahre in Georgien gelebt, im vorigen Jahrhundert. Heute sind es dagegen Georgier und Georgierinnen selbst, die ihr Land in Richtung Deutschland verlassen. Melashvili hat diese Bewegung minutiös studiert für ihre Master-Arbeit, und ist dabei vor allem den Spuren georgischer Au-Pair-Mädchen gefolgt, die in den 90er und Anfang der 2000-er Jahre zuhauf nach Deutschland kamen. 
 Die jungen Frauen kamen damals, um der Realität des eben noch tobenden Bürgerkriegs zu entgehen, georgischen Warlords, der andauernden post-sowjetischen Depression, aber eben auch den Auswüchsen des Neoliberaleismus georgischer Prägung, der bis zuletzt immer neue Abgründe produziert hat zwischen Arm und Reich, der Arbeit schluckt, sie weg-rationalisiert statt dem Leben Jobs und einen neuen Sinn des Lebens einzuhauchen.

Der Brain-Drain aus Georgien ist 2018 unverändert stark. Georgien müsse, wie Tunesien Marokko und Algerien, zum sicheren Herkunftsland erklärt werden, so Angela Merkel bei ihrem jüngsten Staatsbesuch in Tbilissi vor wenigen Wochen. Statistiken sprechen von Rekord-Zahlen an georgischen Asylanträgen nach Deutschland, andere Quellen widersprechen den Zahlen. In jedem Fall hat die Ermöglichung der Visa-Freiheit für zwei Jahren für Georgien, mit deren Zurücknahme Deutschland auf EU-Ebene droht, die Debatte verschärft.

Dem Thema wich man auf der Frankfurter Buchmesse wohlweislich aus. Manche wollten so gar nichts davon gehört haben. Tatsächlich stehen die besorgten Töne in merklichem Kontrast zu einem Georgien, das sich (endlich) im Westen angekommen sieht und das zum Auftakt von der
 EU-Außenbeauftragten Mogherini symbolisch in der Familie der Europäer begrüsst wurde. Ob es dabei jemals zu den erhofften Zusagen auf konkrete Mitgliedschaft in EU und NATO kommt, darf dabei bezweifelt werden. So leuchteten georgische Autoren und Autorinnen wie Sterne im tiefdunklen Pavillon von Frankfurt eine Woche lang – einem Pavillon, der durch seine ästhetische Nüchternheit ein wenig die georgische Leichtigkeit, Ironie und Fabulierlust abhanden gekommen war. Junge und ältere Übersetzer, Künstler und Zeitzeugen, von denen viele mittlerweile Berlin und Deutschland als ihre Wahlheimat angeben. So spiegelten die Tage der Buchmesse wie so häufig das ganze Spektrum aus ephemeren Wünschen und Hoffnung, aus Tragödie und menschlichen Makeln.