(Un)beschreiblich weiblich: Frauen, Lyrik und Literatur nach dem IS (Irakisches Tagebuch III)

(Un)beschreiblich weiblich: Frauen, Lyrik und Literatur nach dem IS (Irakisches Tagebuch III)

(Un)beschreiblich weiblich: Frauen, Lyrik und Literatur nach dem IS (Irakisches Tagebuch III)

Totgesagt. Der Irak. Schon längst ein failed state. Diese und andere Topoi sind nicht weniger geworden nach dem Sieg über den IS im Zweistromland. Im Gegenteil. Der Hunger derer, die sich wie die neuen Sieger feiern, hat verschiedene Machtansprüche und mentale wie politisch Grenzziehungen neu entfacht. Das Ausland ist dabei weder Vermittler noch Zünglein an der Waage bislang, sondern vielmehr Akteur, der nolens volens mit im Schlamassel steckt. 
Alles ist also hoffnungslos. Ist wirklich alles hoffnungslos? 
Der Irak lebt. Unbedingt. Als Land der Vielfalt, trotz oder gerade wegen seiner Religionen, Stämme, Ethnien. In Basra, am Schatt al-Arab, konnte ich mich selbst davon überzeugen. Dort hatte ich Gelegenheit ein gutes Dutzend Autorinnen und Dichterinnen zu begleiten dieser Tage im Rahmen einer Schreibwerkstatt. Zu sehen und spüren war der Versuch dieser jungen Schriftstellerinnen, alle gerade erst 20 Jahre oder wenig älter, Krieg, Gewalt und Traumata, aber auch Liebe, Schmerz und Hoffnung zu reflektieren mit der Stimme einer Frau, die Geschichten aufzuschreiben und so zu verarbeiten, dass Worte, Prosa und Lyrik eine lindernde, zugleich aufklärende Funktion bekommen.
Mit Basra als Tagungsort war dies auch ein Aufeinanderprallen verschiedenster kultureller Einflüsse, die das Land ausmachen. Basra ist eine Hochburg des traditionellen Schiitentums. In einer Region, in der zuletzt viele freiwillige Kämpfer und Milizen gegen den IS rekrutiert worden sind. Hier ein Appercu, ergänzt durch Textpassagen der irakischen Autorinnen. Ein ausführliches Radio-Feature als Dokumentation zum Thema erscheint im März pünktlich zur Frankfurter Buchmesse bei Deutschlandfunk Kultur und in weiteren Medien.

 

 

„Kein Gesicht, keine Kontur,
keine Füße, keine Hände, keine Augen.
Er setzt sich tief in dir fest, formt dich, saugt dir deinen Lebenssaft aus.
Macht einsam.
Was war zuerst da?
Die Traurigkeit oder der Schmerz?“

 

 

لا وجه له, يأتي بلا ملامح, بلا أقدام, ولا أيدٍ, وبلا عيون. يستقر في أعماقنا, يجعل منا شكله“
, ويبدأ التغذي على شرايين الحياة فينا. يجعلنا وحيدين نجفل من حزنِ اللحظة
, متسائلين: أيّهما جاء أولًا الحزن أم هذا الألم؟!“

 

 

Hatte er Langeweile, raubte er ihr die Luft. Sie nickte ein, der Schmerz weckte sie. Rücksichtslos. Er respektierte keinen Schlaf.“

 

 

„- ماما, أخاف أنام وحدي.
– نامي في عيون ماما.
وغفيتا معا, بينهما الألم, يقف على عتبة السرير, يتأمل ضعف الأم لمرضها, وتكور الطفلة لخوفها. تشابُك أيديهما كان السّر بأن يَبقى بعيدًا هذه الليلة, ويبقى بلا شكل, وبلا ملامح!“

 

 

„Der Morgen kam.
Er kam zu Fuß, für sie.
Nicht für alle scheint die Sonne, sondern
nur für die mit reinem Herzen.
Das Licht wischte ihre Tränen fort, verjagte die Traurigkeit. Sie atmet erleichtert aus und lächelt sich im Spiegel an.“

 

 

القابعونَ في صدرِ العادات“
يلوّحون بقطعِ أناملي
عيونهم ملأى بالضَلال…“

 

 

„So, Du‘aa, du bist als Nächste dran. Wir werden dich verheiraten“, sagt Salem zu Jabbars Tochter, die noch keine 10 Jahre alt ist.
„Was?“, fragt Du‘aa lachend.

 

 

ماذا يعني
أن تدورَ حولَ نفسك

„…أو تقفَ في مكانكَ

 

„Als mich ihr Blick trifft, tut es mir auch schon leid.
Ich wollte sie nicht verletzten.
Es reicht schon, dass mein älterer Bruder Jabbar sie ständig damit aufzieht
und sagt, dass sie nie einen Mann abkriegen wird.“

 

 

„Ich gebe dir meine Kleider und alles, was ich habe!
Aber meine Puppe und die Schokolade kriegst du nicht.
Die behalt ich.“
„Warum?“, fragt Alaa verwundert.
„Weil ich bald heirate!“, sagt Du‘aa fröhlich.“

 

 

سوى تساؤلاتٍ بلا أجوبةٍ
ودمعةٍ ساخنةٍ
تمزقُ لحظة صمتكَ الأخيرة !…“

 

copyright M.G. 2018