Ungarns Internierung, die Flüchtlinge und die Balkanisierung Europas / ein aktueller Report

Ungarns Internierung, die Flüchtlinge und die Balkanisierung Europas / ein aktueller Report

Ungarns Internierung, die Flüchtlinge und die Balkanisierung Europas / ein aktueller Report

Bevor ich auf die Situation der Flüchtlinge und meine Reise auf der Balkanroute in Serbien zurückkomme (s. ‚Vom Traum zum Trauma‘) ein kurzer historischer Exkurs:

Nach dem Frieden von Dayton, der das Feuer des Balkankrieges in Europa erstickt hat – freilich ohne gleichzeitig Hass, Revanchegelüste und Nationalismen aller couleur zu überwinden, die dieser Tage wieder fröhliche Urstände feiern – sah es eine zeitlang so aus, als würden wir Zeugen einer erfolgreichen Europäisierung des Balkans. Die EU frass sich im Hunger ihres historischen Erfolges, den einige mit dem Ende der Geschichte gleichsetzten, in den süd-östlichen Leib Europas vor. Die Verdauung dieses Prozesses in historischer Perspektive zeigt nun, zwanzig Jahre später, ihre Spätwirkungen.
Aufmerksame Köpfe haben vor jahresfrist bereits registriert: aktuell droht vielmehr das Umgekehrte, die Balkanisierung Europas und der EU – ausgelöst durch Ethno-Nationalismen neuer wie alter Prägung und als Antwort auf die Flüchtlings-Realitäten. Die  Demokratien der EU sind im Zustand fortschreitenden Zweifels und ohne ausreichendes Krisenmanagement; ungewünscht flankiert von einer sich metastasenhaft fortbildenden Putinisierung nicht nur Ost-Europas. Die unübersehbaren Dissonanzen zwischen werte- und taten-geleiteter Ethik maßgebender europäischer Entscheidungsträger verstärken diesen Eindruck.
Kann es innerhalb der Europäischen Union eine Diktatur geben?, haben 2013 aufmerksame Zeitgenossen gefragt (hier) mit Blick auf den politischen Rechtsruck in Ungarn, Rumänien und Polen. Victor Orban und seine Partei haben Nationalismus, Populismus und Ausgrenzungsrethorik zu einem gefährlichen Gebräu gemischt, das Brüssel und überzeugte Europäer in einer Art Schockstarre erwischt. Da wirkt es erfrischend, wenn zumindest einige Stimmen von Rang jetzt das Vielfache an Apeasement-Politik gegenüber Budapest geißeln und dem ein klares ‚Es reicht‘ entgegensetzen. (s. hier). Timothy Garton Ash, der die Pfade Osteuropas in jener Umbruchszeit begangen hat als Orban sein politisches coming-out damals noch mit Kritik an Moskau verband, rettet damit nicht nur die Ehre des Brexit-Kandidaten England sondern auch Europas, so muss es einem erscheinen.

Offenbar hat niemand damit gerechnet, dass die EU derart von Innen ausgehölt werden könnte, wobei der o.g. Autor sich auch mit der Frage auseinandersetzt, inwiefern die Brüsseler EU-Kommission und -Bürokratie selbst als Hegemon auf Europas Völker ausstrahlen können. Vier Jahre später ist Victor Orban der erfolgreichste Agent-Provocateur aus Osteuropa bei der Zersetzung dessen, was viele als zerfasernde Textur europäischer Errungenschaften empfinden. Gibt es dagegen eine wehrhafte EU, die neben Brexit und neuen Nationalismen den Beweis antreten kann, dass sie mehr ist als ein Bündnis monetär-marktwirtschaftlicher Expansion?

Vor dem Hintergrund dieser Krise der EU und Europas kommt eine Reise auf der Balkanroute durch Serbien der Besichtigung politischer wie humanitärer Notstände gleich, die zu lösen kurzfristig nicht zu erwarten ist: spät, zu spät vielleicht, haben sich Vereinte Nationen, Berlin und andere europäische Hauptstädte geeinigt, ab sofort keine Asylbewerber mehr nach Ungarn zurückzuschicken. Dort drohen nun auch offiziell registrierten Flüchtlingen mehrmonatige Internierung und damit Verstösse gegen verschiedene existierende Menschenrechtskonventionen. Sobald die Flüchtlinge ungarischen Boden betreten, werden sie in Frachtcontainern unter haftähnlichen Bedingungen dort festgehalten, bis ihr Asylverfahren abgeschlossen ist.
Härter noch trifft es jene Personen, die inoffiziell den Grenzübertritt nach Ungarn wagen und dabei mit zunehmender Gewalt von ungarischen Grenzern zurückgeschlagen werden. Trotzdem lebt der Traum von der Reise nach Westeuropa bei den Flüchtlingen fort. Denn in Serbien will keiner bleiben. Und Ungarn, so verteufelt dies den Flüchtlingen zunehmend selbst erscheint, ist Schengen-Land, und damit, davon sind viele überzeugt, ihre einzig verbleibende Rettung. Denn zurück möchten die Allerwenigsten. Zu welchen Nöten, Widersprüchen und Stimmungsbildern in Serbien dies führt, dem Land, das wie kein anderes von den Folgen des Grenz- und Inhaftierungsregimes in Ungarn betroffen ist, macht  dieser Bericht deutlich, in dem ich neben aktuellem Bildmaterial auch zahlreiche Interviews mit Flüchtlingen, Helfern und Hilfsorganisationen sowie EU-Offiziellen aufgenommen habe.

Transitzone bei Horgos I, serbische Seite, mit Transitzone und Containern auf ungarischer Seite / M.G. coypright

Am Grenzübergang Horgos I, kurz hinter Subotica, der serbischen Grenzstadt zu Ungarn, lassen die Magyaren aktuell nur noch zehn Flüchtlinge täglich passieren. Dies betrifft angeblich bis auf wenige Ausnahmen nur noch Familien und alleinstehende Mütter mit Kindern. Allerdings bin ich bei meinen Recherchen in Horgos I  ausschließlich auf junge Männer gestossen, alleinstehend und, nach eigenen Angben, teilweise minderjährig. In düsteren, nass-kalten Zelten verbringen sie direkt am Stacheldraht die Nacht, bevor sie am nächsten Morgen um acht von bewaffneten Grenzern durch eine metallene Schleuse in die Transitzone auf ungarischer Seite geschleust werden, wo sie erst einmal in Containern verschwinden.

 


Hoffen und Bangen: vor der Überführung in die Transit- und Internierungszone auf ungarischer Seite / M.G.

Auf serbischer Seite hat dieser Transit junge alleinstehende Männer angezogen. Sie sind selbst Flüchtlinge. Als sogenannte ‚community leaders‘ sind sie von einigen der Grenzer mit rudimentären Informationen ausgestattet. Sie sollen die übrigen Reisenden, die aus dem Süden Serbiens meist gegen Abend auf verschiedenen Land- und Umwegen an der Transitzone eintreffen, auf den nächsten Morgen vorbereiten, sie beruhigen. Offenbar will man so den Flüchtlingen einen Teil der Angst nehmen, mit der viele inzwischen hier ankommen.
Die ‚community leaders‘, von denen hier zwei zu Wort kommen, tun diese Arbeit in der Hoffnung dafür belohnt zu werden und nach ein bis zwei Monaten selbst in das Asylverfahren nach Ungarn aufgenommen werden. Ein vages Versprechen, wie sich zeigt, das die aufgeriebene Psyche dieser jungen Männer nur noch weiter anspannt.
Ein Beispiel auch für die Demütigungen , die mir auf der gesamten Balkanroute durch Serbien begegnen: und das Verlangen der Flüchtlinge auf ihr Recht, Rechte zu haben, wie Hannah Arendt es formuliert hat: wo wir, Einwohner der EU, Bürgerrechte unser eigen nennen, besitzen Flüchtlinge im besten Fall Menschenrechte, die zwischen einem allgemeinen Anspruch auf Würde und spezifischen Demütigungen einhergehen. „Dies ist die Hölle“, sagt Amir im Angesicht seiner bevorstehenden Inhaftierung als Flüchtling, die auf der ungarischen Seite auf ihn wartet, „but it is Schengen-Land“, artikuliet er die verbleibende, irritierende Hoffnung. (s. das Interview hier)

Amir, sogenannter community leader an der Transitzone in Horgos I. Hinten die Container auf ungarischer Seite

Hamid, ein weiterer community leader in Horgos I

Viele Flüchtlinge leiden inzwischen unter schwerwiegenden Depressionen. Hier, direkt an der Grenze und in der Transitzone, gibt es zwar einen evidenten Bedarf an Therapeuten, die sich Ängsten und Nöten der Flüchtlinge annehmen. Tatsächlich aber herrscht Fehlanzeige. Auch an Übersetzern mangelt es hier wie in den meisten der zwölf grösseren serbischen Aufnahmelager. Hilfsorganisation, die ich auf der Recherche begleiten konnte, haben zwar arabisch-sprachige Übersetzer in ihren Reihen. Allerdings halten sich in Grenznähe zur Zeit oft überwigend pakistanische und urdu-sprachige sowie paschtu-sprechende afghanische Flüchtlinge auf. So kommt es oft nur zu kurzen Dialogen mit den serbischen Helfern, Informationen werden in holprigem, bisweilen mißtverständlichen Englisch ausgetauscht, Nutzen und Beratungseffekt bleiben mithin fraglich.
Wo Flüchtlinge in verlassenen Ruinen und abseits der offiziellen Camps Unterschlupf finden, beginnt auch eine rechtliche Grauzone für die serbischen Helfer, die sich vor allem darum bemühen, Nahrung und ein Minimum an ärztlicher Hilfe in den sogenannten ‚jungle‘ zu bringen, wo Asylsuchende zwischen Wald, Wildwuchs und Gestrüpp untergetaucht sind. Auch in stillgelegten Gebäuden, entlang von Gleisbetten verstecken sich Menschen. Ihre Gesichter drücken fast allesamt den Wunsch aus, von einer Mutter geliebkost zu werden. Meist warten sie hier auf ihre Chance, mit Schleppern den Grenzzaun nach Ungarn zu überwinden.

 

Für Helfer wie Flüchtlinge kommt erschwerend hinzu: Die Gegend um Subotica ist von einer starken ungarischen Minderheit besiedelt. Die Bewohner symphatisieren hier nicht selten mit dem Kurs der Regierung Orban und seiner Fidesz-Partei in der Flüchtlingsfrage.
Wer sind, in diesem Niemandsland der nördlichen Vojvodina, jene Einheimischen, die versuchen humanitäre Arbeit und den Kontakt zu den Flüchtlingen aufrechtzuerhalten? Wie ein Fels in der Brandung wirkt etwa Tibor Varga, ein evangelischer Pfarrer, der bemüht ist, den sozialen Frieden zu retten. Sein Einfluss ist wohlgemerkt begrenzt. Kirchenasyl etwa scheint in seiner Gemeinde wie auch landesweit kein Thema zu sein. Varga berichtet bei unserer Begegnung von einem Trupp serbischer Polizei, der früh am Morgen des Interviews mit drei Bussen in Subotica mehrere Dutzend Flüchtlinge eingesammelt und in Richtung Süden abtransportiert hätten. Nach Presevo, einem Lager rund 600 Kilometer südlich, an der Grenze zu Mazedonien. Dort anzukommen ist für Flüchtlinge wie beim Monopoly-Spiel auf 
’Zurück auf Start‘ zu gehen, eine persönliche Scham und Niederlage. In Presevo werden sie um Wochen oder Monate zurückgeworfen an jenen Ort, an dem sie die Grenze nach Serbien überquert haben.

Hier das Interview mit Tibor Varga:

 

 

 

In der nördlichen Vojvodina, wie im Rest Europas, schauen die Einheimischen 
misstrauisch auf die Fremden. Ein Phänomen so menschlich wie hinterfragenswert im 21. Jahrhundert. Wie entstehen Vorurteile in der Moderne?,
fragt die ungarische Philosophin Anges Heller in einer ihrer Arbeiten und verweist als Überlebende des Holocaust auf einen Zustand permanent wiederkehrender autoritärer Strukturen und Diktaturen in Europa durch die Jahrhunderte. Eine Lösung für die Beendigung des politischen Experiments namens Victor Orbans hat auch sie nicht. Fortkommen schaffe, so sagt sie, am Ehesten die Ausprägung eines sozialen Bewußtseins.
Ich fahre mit dem Landbus von Subotica nach Novi Sad, der nächstgrösseren Stadt. Unterwegs auf Kopfsteinpflaster,
entlang an kleinen Vorgärten und gedrungenen Häuserfassaden, deren Holz und Farbe blättern, jungen wie alten Menschen, die mich beim Einsteigen gleichgültig mustern. Szenen aus Werner Fassbinders Angst essen Seele auf  gehen mir durch den Kopf, mit Heimat und Exotik, die hier aufeinandertreffen. Ein halbes Jahrhundert später schlägt das Herz dieses Drehbuch auch hier: Das auffällige Unwissen über den Anderen, es liegt drückend über der Wegstrecke.

Hilfsorganisationen in Sebien kommt somit eine doppelte Aufgabe zu, neben der humanitären Hilfe. Daniela Koracmandic vom Humanitarian Center in Novi Sad, ist freilich ohne Illusionen über die Folgen des verschärften ungarischen Grenze-Regimes für ihre Arbeit in der Region:

Dass Ungarn angesichts der nun vernehmbaren internationalen Proteste von Inhaftierungen absieht und EU-Standards einhält – ein wenig fehlt der Glauben. Brüssel und Berlin machen jedenfalls wenig Anstrengungen den Worten Taten folgen zu lassen. Wehrhafte EU? Man kann nur hoffen, dass sich das aktuelle laissez-faire nicht rächen wird. Das Beispiel Polen zeigt, dass Ungarn dabei ist, durch seinen Kurs weitere EU-Mitgliedstaaten zu ähnlichen Egoismen zu animieren. Der Europäischen Union fehlt es derweil an einem klaren Akteur, einer klaren Institution, die in der Lage wäre Sanktionen gegenüber ihren Mitgliedstaaten anzudrohen und ggf. zur Anwendung zu bringen.
Die mangelnde Einhaltung humanitärer Prinzipien an diesem wie an anderen Orten der Balkanroute wird auch sichtbar am Beispiel EU-eigener Organisationen. So scheint ECHO, jene europäische Behörde, die sich eigentlich um die humanitäre Hilfe für Flüchtlinge kümmern soll, längst durch die Nationalismen der osteuropäischen Regierungen von Litauen bis Mazedonien zerrieben. Aber auch ECHOs institutionelle Mutter selbst, die EU-Kommission, segelt immer noch eng am Narrativ einer Stilllegung der Balkanroute. Ein Gespräch mit dem Repräsentanten von ECHO in Belgrad, Bruno Rotival, zeigt somit all die Widersprüche europäischer Asylpolitik.

Die Antworten von Rotival sind ebenso aufschlussreich wie alarmierend. Sie bestätigen, welche unmittelbaren Folgen die ungarische Grenz- und Internierungspolitik auf die Flüchtlinge in Serbien haben. So drohen im aufziehenden Frühling und Sommer bald deutlich mehr als die aktuell 8 bis 10.000 Flüchtlinge ins Serbien anzukommen. Nicht weiter zu können nach Ungarn oder Kroatien, während sie in Serbien wie in einer überdimensionierten Wartehalle auf ein Fortkommen warten, löst in ihnen ein Gefühl zunehmender Klaustrophobie und des Eingesperrtseins aus.
Dies wiederum könnte die prekäre Lage weiter destabilisieren. Jedenfalls droht in diesen Tagen ein Teil der Flüchtlinge, darunter Familien mit Kindern, in den nächsten Wochen und Monaten erneut mit den Füssen abzustimmen und sich auf den Weg zu machen, sollten sie keine Perspektive auf einen Transfer über die ungarische Grenze oder Kroatien bekommen.
Bei jenen zehn Personen, die täglich die Grenze bei Ungarn überqueren dürfen, bräuchte es rechnerisch zwei bis vier Jahre, damit sich der Traum aller erfüllt. Ihre Ahnung, das weder die EU noch Budapest am Ende erpressbar sind, macht die Flüchtlinge umso ohnmächtiger.
In Krnjaca, einem Lager am Rande von Belgrad, treffe ich auf eine Gruppe afghanischer Männer. Sie stellen die Lagerleitung zur Rede, in der Hoffnung auf konkrete Zusagen und nicht unbegrenzt in der Notunterkunft fristen zu müssen. Viele der Flüchtlinge mißtrauen den serbischen Behörden mittlerweile. Sie verdächtigen sie krummer Geschäfte und Absprachen hinter den Kulissen, wer am Ende als Erster über die ungarische Grenze gehen dürfe. (s. Interview hier in Dari/Persisch mit englischer Übersetzung):

Korrupter Grenzverkehr? Protest und Versammlung aufgebrachter Lagerbewohner in Krnjaca, Belgrad / M.G. copyright

 

Zoran Ikonic, gelernter Germanist und Journalist in Belgrad, prognostiziert, dass von Serbien sehr bald neue Trassen und Fluchtwege über Bosnien-Herzegowina auf dem Balkan verlaufen könnten. Hilfsorganisationen scheinen sich   darauf ebenfalls schon einzustellen:

Von der möglichen Destabilisierung Serbiens war breits die Rede: Sollte sich herausstellen, dass Serbien vom Transitland zum faktischen Aufenthaltsland wird für die Flüchtlinge (z.Z. halten sich allem Afghanen und Pakistaner in Serbien auf, eine kleinere Anzahl der Reisenden sind Syrer und Iraker, Bürger aus dem Iran, Bangladesch, Nepal und anderen Ländenr. 2015/16 war noch der Anteil von Syrern und Irakern dominierend), könnte es mit dem politischen Burgfrieden im Land ein Ende haben. Der folgt bislang der unausgesprochenen Regel: das Volk hält still solange die Regierung von Premier/Präsident Vucic (auch Serbien ist Teil der autokratischen Malaise, wie die jüngsten Wahlen gezeigt haben) erklärt, die Flüchtlinge kosteten den Steuerzahler nichts. Man verweist vielmehr auf die EU.
So mag sich erklären, dass es bisher zu keinem nennenswerten Ausbruch rassistischer Gewalt gegen Flüchtlinge in Serbien gekommen ist. Und es mag eine Rolle dabei spielen, dass zahlreiche Serben während des Balkankriegs selbst zu Flüchtlingen wurden und somit ein gewisses Verständnis für die Migranten aus den nahöstlichen und asiatischen Konfliktgebieten aufbringen.
Problematisch könnte es allerdings werden, wenn eine ökonomisch sich als darbend empfindende serbische Bevölkerung selbst in die Tasche greifen muss. Dann stellt sich eine zweite, weit grössere Herausforderung: bisher nämich fehlt es in Serbien an praktischen Überlegungen für die Integration von Flüchtlingen sowie einer Vision, wie diese konkret aussehen kännte. Offizielle wie Helfer halten vielmehr an der Hoffnung fest, Serbien werde irgendwie und mit Hilfe von außen weiter Transitland bleiben, die Flüchtlinge mit Anstand durchwinken in Richtung EU. Das veränderte Szenario, der Abschied von diesem Wunschbild, ist allerdings überall entlang des Wegs mit Händen zu greifen.
Goga Vucnic von Care Serbien , ist eine jener serbischen Helferinnen, die im Balkankrieg Kindheit und Heimat auf der Flucht zurücklassen mussten und die – realistischer als zahlreiche Mandatsträger angesichts der globalen Dimension der Herausforderung – zu dem Schluss kommt: „Flüchtlinge sind wie Wasser, das sich überall seinen Weg bahnt.“ (Das Interview hier):

 

 

Die Tragik des serbischen Alltags führt beide Seiten in ein und demselben Glauben zusammen: kein Flüchtling will in Serbien bleiben. So gut wie keiner stellt hier einen Asylantrag. Denn Serbien hat bisher kaum ein Asyl gewährt, abgesehen von ein paar Dutzend Fällen. Kein Flüchtling glaubt in Serbien seine Träume erfüllen zu können, geschweige denn die finanziellen Zusagen an die Daheimgebliebenen. So wachsen Angst, Depression und ein Gefühl von Ausgeliefertsein, parallel zur steigenden finanziellen Not.
Ahmed A., der in Kabul Psychologie studiert hat, ist in Belgrad mit seinen Englischkenntnissen lediglich als Übersetzer für die Tagesstätte Miksaliste und ihre zahlreichen Hilfsangebote gefragt. Dabei liegt eine Strassenecke weiter ein Gebäude der geisteswissenschaftlichen Faktultät der Universität Belgrad, das von seinem Wissen profitieren könnte.
Obwohl sich die Zahl Persisch und Paschtu sprechender Flüchtlinge täglich erhöht, kann man nirgendwo im Land diese Sprachen lernen zur  Anwendung für humanitäre Hilfe.
Ahmeds Prognose ist düster, auch weil er gerade miterlebt, wie einige seiner Landsleute, mit denen er die Unterkunft teilt, beginnen zur Flasche zu greifen:

Im Zentrum von Belgrad kann man einem Teil der alleinstehenden Flüchtlinge auf dem sogenannten ‚afghanischen Park‘ begegnen, der zwischen der Hilfseinreichtung Miksaliste liegt und den todbringenden Lagerhallen hinter dem Busbahnhof. Der Afghan Parck ist ein Austauschort von Informatoinen aller Art, neuesten facebook-Nachrichten, Meetingpoint auch mit Schleppern, die man bei Tag unter den Augen der Polizei gewähren lässt. (vgl. das Interview mit Zoran Ikonic weiter oben).

 

Mancher hier hat bereits ein halbes Dutzend oder mehr Fluchtversuche unternommen, um über die ungarische oder die kroatische Grenze zu kommen.  Hier erzählt Habib von seinem jüngsten Anlauf, der gerade 24 Stunden zurückliegt:

Die serbische Polizei, das bestätigen die verschiedenen Aussagen, drückt bei solchen Versuchen ein Auge zu, auch weil sie ein Interesse hat, dass die Flüchtlinge die Innenstadt Belgrads möglichst unauffälig verlassen. Der schwarze Peter wird bei diesem Spiel weitergeschoben an die jeweiligen Nachbarstaaten. Zoran Ikonic sieht bei aller Kritik an den serbischen Verhältnissen dabei auch die EU am Zug. Als Transitland, argumentiert er, verwalte Serbien in gewisser Weise einen Notstand, den die EU  in ihren Mitgliedstaaten produziere:

Über die Lagerhallen am Busbahnhof von Belgrad und den Umständen, unter denen Hunderte junger Männer hier (über)leben, habe ich bereits im vorigen Blogeintrag berichtet.
Habib, der junge Afghane, der weiter  oben von seinem gescheiterten Fluchtversuch erzählt und dem man abnimmt, dass er in Afghanistan als Übersetzer für US-Spezialkräfte gearbeitet hat, geniesst hier das Privileg einen Raum mit vier Wänden und zum Abschließen sein eigen nennen zu können. Die übrigen Flüchtlinge fristen ein Dasein im Dunkel der Lagerhallen, notdürftig abgegrenzt mit Trennwänden aus Pappe, morschen Spahnplatten oder in Einmannzelten, deren arben hier im Ruß der Lagerfeuer verschwinden, zwischen beissenden Gerüchen aus verbrennendem Plastik, verrottendem Holz und durch die Luft schwebenden Krankheitserregern. Welche Schäden für Haut und Mensch etwa das Verbrennen des Industrie-Holzes hat, beschreibt Habib hier (in Paschtu, mit englischen Übersetzung):

 

 

Flüchtlings-Familien mit ihren Kindern findet man in den Lagerhallen nicht. Sie sind in der Hauptstadt im Lager Krnjaca auf der anderen Seite der Donau vor den Toren Belgrads untergebracht. Viele von ihnen sind aus Bulgarien gekommen. Sie berichten von zunehmend menschenunwürdigen Lebensumständen dort. Das betrifft Pöbeleien der Bevölkerung und Gewalt auf offener Strasse, auch durch bulgarische Polizei und Sicherheitskräfte, wie sie weiter unten erzählen.
Die Vision eines menschenwürdigen wie auch juristisch dem europäischen Aslyrcht verpflichteten Umgang mit Flüchtlingen kann demnach nur funktionieren, wenn umgehend Lehren aus der Krise auf der Balkanroute und vor dem Hintergrund der ungarischen Inernierungspolitik gezogen werden.
Weil die serbische Zivilgesellschaft noch jung ist, und die staatlichen Behörden aus einem post-sowjetischen Erbe, wenngleich jenem Titos stammen, stossen autoritäre Strukturen hier auf unabhängige neue Bürgerbewegungen. In diesem Konflikt steckt von Anfang an die bekannte Belgrader Flüchtlings-Initiative Info-Park. Ihr Mitbegründer Gordan Panovic, ein ehemaliger Aktivist des Radiosenders B92 aus der Protest- und Wendezeit nach dem Fall des eisernen Vorhangs, erzählt hier von seinem Ringen gegen die serbischen Behörden als einem Stück ebenso mutmachender wie deprimierender europäischer Zeitgeschichte.

 

Zum humanitären Verständnis Panovics gehört, dass er den Flüchtlingen ihren Traum nicht nehmen will. Deshalb bietet Info-Park in seinen Räumen u.a. einen Deutsch-Kurs für junge, überwiegend muslimische Frauen an. Der ein oder andere Familienvater begleitet seine Tochter hierher. Selbst wenn die Flüchtlinge nicht alle Deuschland erreichten, so Panovic, seien Wissen und Kenntnisse der deutschen Sprache eine lohnende Investition. Bei zwei der Teilnehmer hört sich das tatsächlich so an. Von der Schlagersängerin Nena und ihren ’99 Luftballons‘ hat dieses junge afghanische Mädchen jedenfalls noch nicht gehört:

 

Lernen ohne Schule: Schreibübungen im Lager Krnjaca/Belgrad; M.G.

Hassan, den man hier mit seiner Tochter hört, ist ein Filmemacher aus Afghanistan, der auch international Erfolge vorweisen kann. Um seine und die Ohnmacht seiner Familie auf der Flucht zu bekämpfen und mit bestehenden Stereotypen über das Flüchtlingdasein aufzuräumen, dokumentiert er seine Flucht regelmäßig mit einer Handykamera. In das Lager Krnjaca ist die Familie aus Sofia gekommen, mit Schleppern über die Berge Bulgariens. Nach bald 18 Monaten unterwegs durch Asien und Europa kämpfen Vater und Muter mit zunehmendem psychischem Druck und ungekannten Gewaltausbrüchen, die sie an sich selbst beobachten:

 

Hassans Frau bemängelt in Serbien die fehlenden Bildungs- und Schulangebote im und um das Lager. Die Familie lebt seit einem halben Jahr in Krnjaca. Ihre ältere Tochter kann, seit sie die erste Klasse in Tadschikistan beendet hat, keine ordentliche Schule mehr besuchen. Sie stillt ihren Wissensdurst u.a. durch Apps und kleine Lernprogrammen aus dem Internet, Kinderbücher auch, die im Lager zirkulieren. Als Ehepaar bekommen die beiden von den serbischen Behörden keinerlei finanzielle Unterstützung. Für jedes ihrer zwei Kinder gibt es, in Form einer Kreditkarte, monatlich umgerechnet 45 Euro. Kochen im Vierbett-Zimmer ist nicht erlaubt. Ein kleiner Tisch, ein Schrank, zwei Stühle. Daneben Platz einmal kurz Luft zu holen, bevor man an die Wände stößt. Fatema bedrückt der Ausnahmezustand der längst zum Dauerzustand geworden ist. Gerne würd sie ihren Töchtern etwas bieten. Ihre Schuldgefühle nehmen zu. Auch weil sie sich erinnert, wie sie selbst die Vorteile der Alphabetisierung in Afghanistan genossen hat: (in Dari/Persisch)

Und das Bild Serbiens auf dieser Balkanroute? Weil unabhängige Medien in Serbien wenig verbreitet sind fehlt ein Korrektiv im Sinne einer vierten Gewalt. So mag sich erklären, warum Orte wie die Lagerhallen am Busbahnhof von Belgrad, in denen immer noch Hunderte von anfangs über 1.200 alleinstehenden Flüchtlingen untergebracht sind, nicht längst schon geschlossen sind. Der zivile Diskurs in Serbien versagt hier. So wie er in Frankreich im Fall des Flüchtlingslagers Calais versagt hat.
Serbien ist auch ein EU-Aufnahmekandidat. Es hält sich zugleich alle Wege diplomatisch mit Rußland offen. Daran müssen wir uns gewöhnen. Für die Flüchtlinge bedeutet dies allerdings kaum Gutes. Sie werden vermutlich mehr noch als bisher zur politischen Verschiebemasse. Es sei denn, die EU und ihre Mitgliedsländer schaffen es nach mehr als drei Jahren endlich, die auf der Balkanroute befindlichen Flüchtlinge im Rahmen einer Verteilung innerhalb der EU, dem Versuch eines Resettlement-Abkommens also, diese auf die einzelnen Mitgliedsstaaten zu verteilen.

 

Körperpflege im Niemandsland: Duschprovisorium in Nähe der Bushallen im Zentrum von Belgrad /coypright M.G.

Die folgende Übersicht zeigt den kartographischen Kontext der oben erwähnten Orte im Norden Serbiens. Geographisches Material reduziert komplexe Sachverhalte auf banale Weise, wie man hier sieht, vermag aber umgekehrt Dinge sichtbar machen, die sonst im Verborgenen bleiben.

Zu diesem Essay auch meine Reportage im Deutschlandfunk hier.