Wer regiert Georgien? Das Gastland der Buchmesse rückt näher

Wer regiert Georgien? Das Gastland der Buchmesse rückt näher

Wer regiert Georgien? Das Gastland der Buchmesse rückt näher

Der folgende Essay ist erschienen auf WDR 3 in der Sendung Gutenbergs Welt, ‚Georgien lesen‘, als Sondersendung zur Buchmesse Frankfurt und dem Gastland Georgien und beschäftigt sich vor allem mit den wenigen Sachbüchern, die aus dem Anlass erscheien, siehe hier (Audio-Downlaod)

Wer regiert eigentlich heute in Georgien?
Geben wir es zu: seit der sogenannten Rosenrevolution 2003, die den meisten von uns als vager Begriff geblieben ist und die den in den USA ausgebildeten Michael Saakaschwilli an die Macht brachte, haben wir das Land politisch fast aus den Augen verloren. 2008 – Süd-Ossetien, der letzte Krieg. Was ist bei uns davon hängengeblieben?

Dabei tut sich Erstaunliches in der georgischen Politik. In Tiflis herrscht ein Milliardär, der „die Zügel der Macht fest in den Händen hält“, wie es in einer Neuerscheinung heisst (Christoph Links Verlag). Sein Name: Bidsina Iwanischwili. Laut Forbes-Liste einer der reichten Menschen der Welt durch Bankgeschäfte, Handel mit Computern und Rohstoffen. 
 Neugierig macht, dass dieser Industrielle zugleich Führer der regierenden Partei Georgischer Traum ist. Er war Premier, hat offenbar den jüngsten Regierungswechsel mit ausgelöst und unterhält einen guten Draht zum russischen Präsidenten Putin.

Iwanischwili lässt keine Gelegenheit aus, sich als Mäzen der Armen wie der Reichen zu betätigen. Immer wieder stolpert man über den Namen Iwanischwili. Ein aktuelles Buch über diesen starken Mann der georgischen Politik wäre also passend und logisch gewesen. Es gibt aber keines. Auch eine Monographie über den geschassten Saakaschwili: Fehlanzeige.

Hier liegt ohne Frage ein Manko. Georgien als Gastland der Buchmesse: das sind über 150 neue Titel auf Deutsch. Aber nur wenige aktuelle Sachbücher sind darunter. Unter diesen Sachbüchern wiederum sind nur wenige, die von georgischen Autoren stammen. So als bleibe die Erzählung über das Land vor allem deutschen Autoren vorbehalten. Dabei macht gerade die Sichtweise georgischer Experten neugierig.

Seit Mai dieses Jahres ist es in Georgien zu vielerlei Protesten gekommen: Gegen Willkür der Justiz, für die Rechte tödlich verunglückter Arbeiter, im Streit um die Rechte von Lesben und Schwulen. Die Buchmesse und die georgische Kulturpolitik wollen diese kontroversen Themen nicht breit wälzen – mit der Vermutung liegt man vermutlich nicht falsch. Man hofft auf Werbung, auch für den heimischen Tourismus angesichts der Krise.

Kein Geheimnis ist mittlerweile aber auch: die Gelder des georgischen Kulturministeriums, mit denen die meisten Übersetzungen für die Buchmesse finanziert sind, setzen auf Autoren und Titel, die ein eher weiches um nicht zu sagen ein weichgespültes Georgien-Bild vermitteln. Eines, das versucht, wenig anzuecken, sich auf konsumierbare, wenig recherche-intensive Prosa beschränkt. Das immer wieder auf Märchen und Mythen Georgiens rekurriert. Konflikte und Krisen kommen da weniger vor.

Dabei gibt es sie: neue Staudämme und aktuelle Tourismus-Projekte bedrohen mehr und mehr die Natur, Korruption und Willkür sind Alltag, trotz vieler Versprechen, sie einzudämmen. Die Massenarbeitslosigkeit steigt. 
 „Auf Arbeitslosigkeit folgte 1990 die Emigration“, heisst es bei Rewa Getschetschiladse in dessen kritischer Enzyklopädie über Georgien im weltpolitischen Kontext. (Wieser Verlag) Ab 1990 verliessen rund 1 Million Georgier nach Bürger- und Abschasien-Krieg ihre Heimat. Oft nach Rußland. Heute verlassen erneut Tausende das Land. Und fragen nach Asyl in Deutschland und Europa. Georgier, die ihre Zukunft in der Migration sehen. Wieso und wer sind sie? Wer bleibt zurück, in diesem Kampf zwischen Not und Hoffen auf Wohlstand?

Geschichten für mehrere Bücher sind das.
 In den neu aufgelegten Reiseführern bleibt dies allenfalls Randnotiz. Auch in unseren Leitmedien übrigens. Aufklären geht anders. Wobei eben dies – Aufklärung – weder Buchmesse noch das Gastland im Mund führen. Die Kulturevents über Georgien, die bundesweit seit Mai laufen, finden auch so Zuspruch. Das Publikum ist dankbar, auch ohne viele Grautöne die Nuancierung bringen.

Einige wenige deutsche Verlage beschäftigen sich länger schon mit Georgien, bringen Anthologien zur neuen georgischen Literatur heraus, Sachbücher und wunderbar bebilderte wissenschaftliche Arbeiten über Georgiens Geschichte und historische Schriften. Diese Verlage haben angedeutet, über die Buchmesse hinaus zu Georgien zu verlegen. Der Mitteldeutsche Verlag gehört dazu, der Reichert Verlag, die Frankfurter Verlagsanstalt, der Manesse Verlag, Suhrkamp auch. Ehre wem Ehre gebührt.

Beispiel: Das Liederbuch Georgien, das uns in Bild, Notenpartituren und mit Hör-CD das Wunder der georgischen Mehrstimmigkeit näher bringt. Es fordert den westlichen Leser auf, loszulassen von Druck, Selbstkritik und Verstellung, um die Freiheit neuer Klänge und Gefühle zu spüren, und nebenbei neue gesellschaftliche Narrative kennenzulernen (Reichert Verlag). Übertriebene Selbstkontrolle, lernen wir, ist den Georgiern beim Singen fremd. Daraus speisen sich Sicherheit und Tiefe des Gesangs.
 Ansonsten, das steht zu befürchten, beteiligen sich viele Verlage an dem aktuellen Messe-Hype. Ein Kulturtransfer von Dauer ist hier nicht oberstes Motiv.

Umgekehrt, auch das fällt auf, gehört es womöglich weniger zur georgischen Wesensart, Selbstkritik zu üben. Die eigene Verstrickung in den Krieg um Abchasien- und Süd-Ossetien gehören dazu. Die Reflexion über Bürgerkrieg und Sowjet-Erbe. Gewandelte Eliten bestimmen noch heute die Geschicke des Landes mit. Georgische Autoren schreiben darüber in einer Art Doku-Prosa. Etwa Aka Mortschiladse in Schatten auf dem Weg (Mitteldeutscher Verlag). Die Wahrheiten, die er benennt, sind mit Ironie versehen. So hält man es besser aus beim Lesen. Etwa das Phänomen der georgischen Diebe im Gesetz – Gauner und Kriminelle, die für Gewalt und Korruption auch hinter Gitter landen konnten, über Netzwerke aber eine bemerkenswerte Macht entwickelten.

Erhellend auch ein Fotoband auf Englisch, das Archive of Transition, das in historischen Bildern den urbanen Wandel beschreibt: Tiflis erscheint hier als ein Meer an Plattenbauten. Aber mit persönlichen Geschichten, was wichtige Grautöne über die Sowjetzeit liefert. (Niggli-Verlag).

Wünschen würde man sich zuletzt ein Sachbuch, das zeigt und erklärt, warum deutsche Philosophie und Literatur Georgien so nachhaltig geprägt haben über die Jahrhunderte. Das könnte unser Interesse an Georgien beleben. Zu 200 Jahren deutsch-georgischer Beziehungen, die wir unverändert feiern, würde es gut passen.

Anbei eine unverbindliche Auswahl rezensierter Sachbücher zum Thema:

-Rewa Gatschetschiladse:
Georgien im weltpolitischen Kontext. 
Wieser Enzyklopädie des Europäischen Ostens, Wieser Verlag
-Aka Mortschiladse: Schatten auf dem Weg. Unbekannte Geschichten aus der Sowjetzeit in Georgien. Mitteldeutscher Verlag.
-Tamar Buadze, Imke McMurtrie: Liederbuch Georgien. Georgiens Weltkulturerbe. Deutsch und Englisch, mit Hör-CD
-Guram Odischaria: Georgien. Tbilisi. Rustaweli-Boulevard, hrsg. von Manana Tandaschwili, Reichert Verlag
-Dieter Boden: Georgien. Ein Länderportrait. Christoph Links Verlag
-Klaus Neuburg, Sebastian Pranz u.a. (Hrsg.): Tbilisi. Archive of Transition. Niggli Verlag
-Wolfgang Korall. Die Seele Georgiens. Fotoband. Mitteldeutscher Verlag
-Georgische Handschriften, hrsg. von Jost Gippert, Reichert Verlag
-Volker Dittrich. Paradies am Rande Europas, Mitteldeutscher Verlag
-Steffi Chotiwari-Jünger: Georgische Literatur in deutschen Übersetzungen. Bibliographie 1887-2017, Reichert Verlag
-Naira Gelaschwili. Georgien. Ein Paradies in Trümmern. Mit Gesprächen zwischen Eduard Schewardnadse und der Autorin. Aufbau Verlag