Zeit der Angst. Zum Tod des afghanischen Fotografen Shah Marai

Zeit der Angst. Zum Tod des afghanischen Fotografen Shah Marai

Zeit der Angst. Zum Tod des afghanischen Fotografen Shah Marai

Dieser 3. Mai, der Tag der Internationalen Pressefreiheit, hat etwas Ambivalentes.
 Meist liegt der Fokus an Gedenktagen wie diesem auf Reden und Bilanzen über ausgewählte Länder und Ereignisse. Zur Zeit liegt der Fokus auf Syrien, Irak, Venezuela, der Türkei, dort wo sich die meisten Kameras und Konfliktberichterstatter aktuell aufhalten. An einem Gedenktag wie diesem werden, ob man will oder nicht, bestimmte Nachrichten und Personen hervorgehoben. Andere vernachlässigt, und damit automatisch Personen und ihre Arbeit in Ländern, in denen die Gewalt nicht nachlässt und die, konsequenterweise, weiterhin unserer ungeteilten Aufmerksamkeit bedürfen.

In Afghanistan ist diese Woche, am 30. April, wenige Tage vor dem Tag der Pressefreiheit, mein langjähriger Kollege und AFP-Fotograf Shah Marai ums Leben gekommen bei einem mutmaßlichen Anschlag des IS in Kabul. Weitere acht seiner Reporter-Kollegen starben bei dem gleichen Doppel-Anschlag. Ein weiterer in der Provinz am gleichen Tag. Zehn tote Repoter an einem Tag – das hat es noch nicht gegeben in Afghanistan, und ist auch nach Statistiken internationaler Organisationen wie Reporter ohne Grenzen ungewöhnlich genug, um hier mit mehr als einer Fußnote vermerkt zu werden.

Afghanische Journalisten-Verbände sprechen von einem  „gezielten Angriff auf die Pressefreiheit“ am Hindukusch. Es ist nicht das erste Mal, dass gleich mehrere Medien-Vertreter in Afghanistan Ziel eines (gezielten) Terror-Angriffs werden.
 Es ist auch nicht das erste Mal, dass es die Nachrichten-Agentur AFP und ihr Team in Kabul trifft.

Mit Shah Marai verband mich weniger eine enge Freundschaft, als vielmehr ein tiefer Respekt zwischen Kollegen. Früh schon nach 2001 und dem Sturz der Taliban besuchte ich regelmäßig das Büro von AFP in Kabul, wo er mit meinem Freund Massoud Hosseini zusammen als Foto-Reporter arbeitete. Massoud sollte später, 2012, den ersten Pulitzer-Preis als afghanischen Journalist gewinnen. Natürlich, ist man versucht zu sagen, für ein Foto-Motiv, dass einen Anschlag in Kabul und seine entstellten Opfer zeigt. Mit den frischen Lorbeeren verliess Massoud kurz danach AFP und wechselte zum AP-Büro in Kabul. Seitdem hat Shah Marai seine Stelle bei AFP eingenommen. Und sie bewundernswert ausgefüllt bis ans Ende.

Shah Marai verdanken wir, die westlichen Medien, über die Jahre von 1998 bis heute rund 18.000 Fotos, die seine Agentur in den bekannten Nutzerarchiven freigegeben hat. Einige dieser Bilder sind uns auf den Titelseiten westlicher Tageszeitungen begegnet, der New York Times, der Washington Post, des Spiegel oder internationaler Print/Online-Seiten. In der Regel ohne, dass wir vom Namen des Urhebers Notiz genommen oder Kenntnis hatten. So hat Shah Marai das Bild von Afghanistan in den westlichen Medien mitgeprägt, mehr als das Bild in seiner Heimat Afghanistan selbst. Unbewußt, aber stetig. Das Gleiche gilt für Massoud Hosseini. Vor allem Shah Marai teilte lange, wie viele Agentur-Fotografen, das Los der Namenslosen. Nach 2012 stand er, vermutlich zu Unrecht, zunehmend im Schatten seines jüngeren Kollegen. Gelernt hat er vieles mit der Kamera selbst, ein Autodidakt. Noch unter den Taliban hatte Marai, mutig, mit der Fotografie begonnen. Seine kleine Kamera, analog damals noch, versteckte er heimlich unter seinen Kleidern, hinter einem Schal oder Tuch. Die Taliban waren keine Freunde der Fotografie, bekanntlich.

Die Fotos, die jetzt im Zusammenhang mit Marais Tod veröffentlicht werden, sind dabei nicht minder ausdrucksstark als die der internationalen Kollegen und Kolleginnen. Oft sind sie so traumatisierend wie sie lebens-spendend und ermunternd sein können. Wie alle afghanischen Fotografen, die ich kennengelernt habe über die Jahre, hat sich Marai  immer dafür eingesetzt, dass auch Bilder und Motive aus dem Kriegs- und Konflikt-Alltag den Weg in seinen Arbeitsalltag und in unsere westlichen Medien finden. Es war ihm wichtig, nicht nur Bombenopfern und Frauen in Burka zu zeigen, sondern auch Menschen mit Tatendrang, mit Würde, lachende Menschen, solche mit Hoffnung, mit Bildung oder dem Hunger danach, mit Menschen, die über vielerlei Erfahrungen und Talente verfügen, dort, wo unsere Medien(macher) regelmäßig nur nach Extremen wie Terror und Armut suchen, oder Afghanistan als Synonym für Exotik und Fremdheit inszenieren.

Das AFP-Büro bein einem meiner Besuche 2013 in Kabul
Zu Leben und Wirken von Shah Marai und den vielfach denkwürdigen Bildern, die er uns hinterlassen hat, ebenso wie zu seinen Tagebuch-Erzählungen siehen hier, hier, hier, hier, hier und hier u.a.
Zum Tag der Pressefreiheit in Afghanistan mein Interview mit Deutschlandfunk Kultur hier.

Das Risiko lief ständig mit Marai, besonders wenn es darum ging, den Ort eines Anschlags abzubilden, mit seinen Opfern und all der Zerstörung rundum, den Fleischfetzen in den Baumkronen und den kleinen jungen, Kidern noch, die hinaufsteigen und sie für die Polizei vom Baum holen oder von der Strasse auflesen und sie der Polizei überreichen. Keine Gruppe unter den Medienschaffenden und Journalisten ist mehr gefährdet als Fotografen und Kameramänner, als die Bildreporter unsere Tage. Sie sind, manchmal noch vor den schreibenden Kollegen, in erster Front. Von ihnen erwartet die Medienwelt unserer Tage, dass sie die ersten Bilder und damit Schlagzeilen liefern und möglich machen.

Der Anschlag, bei dem Marai diese Woche den Tod fand, war eine Falle. Mit anderen Kollegen war er an den Tatort in Kabul geeilt, als ein zweiter Zündsatz neben ihm und seinen Kollegen detonierte. „Um die Gefahr wissen wir ständig“, erzählte mir einmal Massoud Hosseini, „die Risiken, die damit einhergen, zu verdrängen ist Teil unseres Alltags.“

Traumatisierung, Depression, Rückzug verschiedener Art: wenig überraschend hat die Arbeit als Foto-Reporter – im Afghanistan Krieg wie in allen bewaffneten Konflikten – ihren Preis. Phasenweise kann ich das selber an mir nachvollziehen, auch wenn ich weniger an den Frontlinien präsent bin als die genannten Kollegen. 
Shah Marai hatte immer ein warmes, ungezwungenes Lächeln parat im persönlichen Gespräch. 
Keine Flausen oder Hirngespinste im Kopf. Er schien mir stets geerdet zu sein, unprätentiös heimatverbunden zu sein auf eine symphatische Art.

Während andere, auch im eigenen Umkreis, ihm nahelegten oder aufforderten seinen Job an den Nagel zu hängen und gar die Ausreise zu erwägen, war er einfach nur von seiner Arbeit eingenommen, überzeugt und hat sie geliebt, trotz all der Opfer, die die Arbeit für die Familie nach sich zog. 
Das gilt, ich nehme es an, auch für die übrigen neun afghanischen Journalisten, die in dieser Woche in Afghanistan den Tod fanden.

Die sehr persönlichen, übersetzten Blog-Einträge von Shah Marai, die AFP unlängst veröffentlicht hat, sind für mich noch einmal wie eine gemeinsame Gefühls-Fahrt durch all die Jahre in Kabul und Afghanistan seit dem Ende der Taliban-Zeit, von 2001 bis heute: von der Hoffnung – „ I could photograph them as much as I wanted. You could travel anywhere, south, east, west. Everywhere was safe„ – , über aufkemeinde Fragen und Zweifel – „then in 2004, the Taliban came back. First in the Ghazni province… they began to spread out, like a virus… targeting places frequented by foreigners. The party was over“, – bis zum Gefühl einer persönlichen Sackgasse, in der er wie auch die afghanische Gesellschaft immer noch funktionieren (müssen), wollen sie sich nicht selber aufgeben. Und mit seiner bitteren Erkenntnis nach all der Mühe: „I have never felt life to have so little prospects and I don’t see a way out. It’s a time of anxiety.“

Marai hinterlässt eine Frau 6 Kinder. Eines davon blind. Sein AFP-Gehalt diente nicht nur der eigenen Familie, er unterstützte damit auch zahlreiche Verwandte, unter anderem drei seiner Brüder, die ebenfalls mit Blindheit geschlagen sind. Sie drohen nun in ein Loch zu fallen, wenn sich jetzt keiner findet, der den Hinterbliebenen mit nennenswerte Hilfe zur Seite steht.

Zweifellos sind einem afghanischen Fotografen in den Diensten einer westlichen Nachrichten-Agentur wie AFP gelegentlich die Hände gebunden gewesen. Nicht zufällig ist afghanischen Fotografen au in den jezt fast zwei Jahrzehnten nach der US-/NATO-Intervention aufgefallen, dass sie immer wieder auch einem westlichen Bild von Afghanistan in ihrer eigenen Heimat hinterherlaufen und ihre eigenen Bild-Welten und -Wünsche dabei ein ums andere Mal auf der strecke blieben. So hat sich im Lauf der Jahre eine eigen, afghanische Foto-Agentur gegründet, die zum Ziel hat, ein mehr originär afghanisches Bild einzufangen und zu vermitteln.
 Bei AFP genoss Shah Marai umgekehrt viele Privilegien. Der Kampf um Geld und technisches Material, um Anerkennung und ausgedehntes Reisen können ist im Umfeld einer Nachrichten-Agentur selbstverständlich und weniger anstrengend als für viele seiner Kollegen, denen dieses Glück nicht beschieden war.

Natürlich muss an einem Tag wie heute auch auf den Zustand der Pressefreiheit in Afghanistan eingegangen werden. Einerseits gilt unverändert: Presse und Medien gehören zu den aufstrebenden Bereichen des öffentlichen Lebens in Afghanistan nach 2001. Davon zeugen über 40 TV-Sender, über 100 nationale und lokale Radio-Stationen, darunter einige ausschließlich mit weiblichen Reporterinnen, und zahlreiche Print-Erzeugnisse. Letztere in der Regel allerdings mit geringen Auflagen von zwischen 1.000 bis 8.000 Exemplaren. Ohne anhaltende Gelder internationaler Organisationen wie den Vereinten Nationen, der EU, der Weltbank oder der Gruppe der Geberländer würde diese Vielfalt bis heute nicht bestehen können. Auch, weil ein selbsttragender Werbemarkt in Afghanistan fehlt, der Wirtschaften für unabhängige Medien rentabel macht. So hängen viele der TV-Sender und neuen Mediengruppen an reichen beziehungsweise neu-reichen Unternehmern, die oft mehr auf Gewinnmaximierung als auf Ausbau der Pressefreiheit aus sind

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Nach Abzug der meisten ausländischen Truppen haben Gewalt und fehlende Sicherheit zuletzt erheblich zugenommen. Journalisten wurden und werden von vielerlei Seiten immer wieder eingeschüchtert, unter Druck gesetzt und drangsaliert. Die Taliban und der sogenannte IS sind die eine Seite der Medaille. Aber auch lokale und nationale warlords und staatliche wie private Milizen oder kriminelle Banden führen Medien auf der Liste ihrer Feinde. Wie überall auf der Welt ist den Mächtigen und jenen, die etwas zu verbergen haben, kritische Berichterstattung suspekt. So ambivalent wie diese Fortschritte und Rückschritte ist auch die Bilanz in Zahlen: Afghanistan rangiert auf Rang 118 von über 180 Staaten auf dem internationalen Index für Pressefreiheit.

Eine Reihe von Gesetzeswerken und Kodizes schützen afghanische Journalisten und Medienschaffende auf dem Papier. Der Westen ist stolz darauf. Faktisch aber können afghanische Reporter das Recht auf Zugang zu öffentlichen Quellen oder den Schutz eigener Quellen selten durchsetzen. (Medien-) Recht gibt es nur, wo eine auf die vierte Gewalt und die tägliche Umsetzung verbrieften Rechts im Sinne der Verfassung sensibilisierte Justiz am Werk ist. Der Weg dahin ist lang. Einiges in Afghanistan ist mit Sicherheit erreicht worden in den letzten Jahren, vieles bleibt umzusetzen. Eine Kultur der Selbstzensur, der gesellschaftlich verankerten Tabus, über Religion und Korruption kritisch und investigativ zu berichten, geht beziehungsweise kommt nicht über Nacht.

Nichts aber, das habe ich in den Jahren meines Lebens am Hindukusch gelernt, scheint unumkehrbar in Afghanistan. Die Präsenz von Frauen in den Medien ist ein Beispiel dafür. In Städten wie Kabul, Mazar oder Herat sind sie in Fernseh-Nachrichten und vor der Kamera nach wie vor präsent. So entstehen zur Zeit unter anderem neue TV-Frauen-Sender, die mit dem fast schleierfreien Haupt ihrer Protagonistinnen kokettieren. Aber seit die Kämpfe wieder zunehmen, und das konservative Lager im Land seine Stellungen in der Öffentlichkeit, in Politik und Medien wieder ausgebaut hat gibt es hier auch einen Back-lash zu beobachten: überall wo keine schützenden Institutionen in der Nähe sind – Medien-Gewerkschaften und -verbände, Menschenrechtsorganisationen, Botschaften, Akteure der Zivilgesellschaft und offen kooperierende staatliche Medien-Akteure – sind vor allem weibliche Reporterinnen und Journalistinnen in der Defensive und in der Provinz oft ohne Möglichkeiten, an Ausbildungen oder täglicher Redaktions-Arbeit teilzunehmen und ihren Beruf auszuüben.

„Wir“, die internationalen Geber und Akteure, auch Medien, müssten eigentlich darauf reagieren. Können und wollen wir das? Mit einer langfristigen, durchdachten Strategie und Maßnahmen, die die lessons learned der vergangenen Jahre ernst nehmen und umsetzen. Das würde beinhalten an einem Tag wie heute mit starker Stimme für die Rechte und Ziele vor allem afghanischer Medien in Afghanistan einzustehen. Es bedarf auch unbedingt langfristig angelegter Programme für eine qualitativ anspruchsvolle Journalisten-Ausbildung. Akademische Video-Teachings und – Coachings, wie ich sie mit Afghanistan praktiziere, finden bei den Auszubildenden grossen Anklang. Denn mit abnehmender Sicherheit ist dies auch die logische Konsequenz für neue Fenster der Möglichkeiten. Den Rest erledigen die afghanischen Journalisten-Kollegen seblst vor Ort. Längst bildet dort die erste Generation neuer Medienmacher die zweite, junge Generation von 18- bis 28-jährigen aus.