Iran-Rap, Regime-Change & Bombs
Wie die iranische Zivilbevölkerung den Krieg erlebt – davon erfahren wir hierzulande immer noch sehr wenig. Das hat auch damit zu tun, dass das Regime in Tehran der Bevölkerung immer wieder das Internet abstellt. Doch gerade die Zivilbevölkerung zeichnete sich, insbesondere im Zuge der Frau, Leben, Freiheit-Bewegung stark durch eine reichhaltige Protestkultur aus. Einen wichtigen Stellenwert darin genießt persische Rap-Musik. Die Texte sind dem theokratischen Regime oft ein Dorn im Auge. Weshalb Rap-Musiker wiederholt in Haft landen. Der iranische Rapper Behrad Alikonari war Teil der Protestbewegung und hat viele Jahre Haft und Einschüchterung überlebt. Jetzt lebt er in Bayern . Ich habe Behrad Ali Konari getroffen. Hier mein Feature für Deutschlandfunk (hier), und BR (hier).
Gepflegter Bart, Piercing am linken Ohr, kurzes dunkles Haar. Graue Wollmütze. Unter dem Hemd-Ausschnitt zeichnet sich ein Tattoo auf seiner Brust ab. So sitzt Behrad Ali Konari vor mir. Braune Augen. Sein Blick so gelassen wie das möglich ist, wenn man seine traumatischen Erfahrungen nicht gleich beim Anblick offenbaren dem Fremden offenbaren will.
Auf seinem Handy zeigt er mir ein Rapvideo von sich: „Im Namen Gottes. Ich bin der Präsident. Und Ihr werdet alle reich. Durch Diebstahl“. So singt er in ‚Mr President‘. Ende der 2010er Jahre geht das Video viral. Und bringt ihm bis heute über 14.000 Follower auf Instagram. Damit liegt er im Mittelfeld iranischer Rapper. ‚Mr President‘ macht ihn auch über die Grenzen Irans hinaus bekannt. Er karikiert darin die Mächtigen im Iran: wie sie Menschen mit einem Handstreich hinter Gitter bringen. Brot, Reichtum und Wohlstand versprechen, ohne das dies die Menschen bis heute erreicht. „Gib mir deine Stimme. Ich geb dir gratis Wasser und Strom. Und gründe ein Rap-Ministerium. Dann gehst du bei den Fans für mich sammeln.“
Wegen Videos wie diesem wurde Behrad Alikonari im Zuge der Proteste ab 2018 immer wieder verhaftet und gefoltert.
„Bei den Verhören, zu denen man mich zerrte, war es Gang und Gäbe, dass man uns auf den Boden gezwungen hat, die Hände und Füße auf dem Rücken gebunden“, erzählt er. „Sie banden uns ein Kette an die Beine und zogen uns an die Decke hoch, wie ein Stück Fleisch. Nur unser Gesicht hatte noch Kontakt zum Boden. Das war nur eine ihrer Foltermethoden.“
Fünfundreißig Tage folterte der Geheimdienst Konari auf diese Art allein in einem der Gefängnisse. Insgesamt 25 Monate verbringt er in Haft, wird Mal um Mal inhaftiert, weil er ab 2018 auf der Straße mit Protestbewegten gegen das Regime demonstriert. Zwei der Freunde, die mit ihm in Haft sitzen, lässt man 2022 hängen. Und führt ihm die toten Körper vor. Die Bilder verfolgen ihn bis heute.
„Es waren meine besten Freude in der Haft, die gehängt wurden. Man zwang mich immer wieder, ihre Leichen anzuschauen. Ich empfinde es heute als meine Pflicht, die Erinnerung an sie hochzuhalten. Sie sollten ein falsches Geständnis unterschreiben. Sind aber bis zuletzt stark geblieben. Dafür bewundere ich sie“, sagt Konari. Es folgt eine kurze Pause „Haft bedeutet jeden Tag Überlebensmodus. Du musst schauen, dass du bis zum nächsten Morgen überlebst. Du sagst dir: ‚Überleben, wenigstens bis morgen‘.
Kurz bevor das Regime in Teheran die landesweiten Proteste mit Beginn am 8. Januar 2026 blutig niederschlägt, kann Behrad Konari das Land verlassen. Er kommt mit einem humanitären Visum nach Deutschland.
Heute sagt er: „Vor drei Jahren haben Medien und Menschen aus der Zivilgesellschaft in Deutschland meinen Fall öffentlich gemacht, so dass davon auch im Iran zu lesen war. Diese Öffentlichkeit hat mir geholfen und mich vermutlich vor Schlimmerem bewahrt. Jetzt bin ich hier, wo damals der Protest für mich und andere Gefangene im Iran gestartet wurde. Ich denke auch jetzt: Öffentlichkeit schaffen und über Häftlinge im Iran zu berichten ist mit das Sinnvollste, was man zur Zeit von Deutschland aus tun kann.“
Einer seiner ersten Auftritte in Deutschland fand Anfang März auf einer Bühne in Köln statt, vor 70 Zuhörern. Konari berichtet 90 Minuten von der Folter, wie er sie erlebt hat. Die Anspannung überträgt sich auf das Publikum. Tränen fließen. Es ist der Abend zum 28. Februar, an dem die USA und Israel den Iran angreifen. Behrad Ali Konari soll nach dem Gespräch auf der Bühne dann vier Lieder singen. Schafft aber nur zwei. Es kommen ihm selbst die Tränen. Kurz davor hat er noch aus seinem Gedichtband gelesen. In dem es neben Haft viele um Liebe, Freiheit und Ausbrechen geht:
„Er, inmitten dieser Dunkelheit, ist nur noch ein Schatten seiner selbst.
Seine Hände sind schwach. Er kann nichts erschaffen.
Nur deine Erinnerung bleibt in seinem Herzen“
Der Gedichtband ist an dem Abend schnell vergriffen. Wenig später steig Behrad Ali Konari in den Zug. Und fährt fünf Stunden nach Dillingen, in Bayern, wo er seit wenigen Wochen lebt. Der Krieg bedrückt ihn täglich.
„Meine Hoffnung ist unverändert, dass die Bomben am Ende doch noch einen Regime-Change bringen könnten. Es herrscht viel Chaos und Unsicherheit jetzt. Die aktuelle Lage macht die Menschen verrückt, zwischen Hoffnung und Angst. Man muss am Puls der Menschen vor Ort sein, um zu fühlen, was sie durchmachen.“
Die Stimmung im Iran könne sich deshalb durchaus ändern, meint der 31-jährige: „Sie könnte kippen, wenn es immer mehr zivile Opfer gibt, die zivile Infrastruktur zerstört wird, so dass den Menschen ein Leben in Würde erschwert wird. Wenn deutlich mehr Unschuldige umkommen als jetzt.“
Iranische Rapper sind historischer Teil der Protestszene. Wichtiger als die eigene Popularität in den social media ist ihm dabei, wofür man diese als Künstler einsetzt. „Das Regime verbietet Rap Musik nicht grundsätzlich. Es gibt zwei Gruppen. Probleme bekommen jene Rapper, die Missstände anprangern. Ihre Texte beeinflussen die Slogans bei den Demonstrationen. Viele Parolen, die heute auf den Demos gerufen werden, stammen aus Rap-Songs. Teile der Texte sieht man als Graffitis an Hauswänden. So haben Rapper unsere Protestkultur stark beeinflusst.“
Der Krieg im Iran habe längst auch die Lage in den Gefängnissen verschärft, meint er. Häftlinge landesweit würden zu Opfern der aktuellen Verhältnisse. „Wenn ein Gefängnis Platz für 5.000 Insassen hatte bisher, war es oft mit 15.000 dreifach überfüllt“, so Konari. „Jetzt muss man sich vorstellen, sind nochmal doppelt und dreimal so viele Menschen in Haft. Die Leute müssen sich Essen teilen, dass vorn und hinten nicht reicht. Vielleicht bekommt jemand mittags nicht einmal eine halbe Kartoffel.“
In dem Flüchtlingsheim im bayerischen Dillingen war Konari anfangs der einzige Bewohner. Ungewöhnlich. Und nahm es mit Humor, äußerlich: „Ab und an fühlt sich das Wohnheim wie Einzelhaft an. Egal. Ich habe gefühlt ein halbes Leben in Haft verbracht. Ich fange dann an, mit mir selbst zu sprechen. Um sicher zu gehen, dass meine Stimmbänder für noch funktionieren und ich weiter rappen kann.“
Mittlerweile hat er eigene vier Wände im Ort zugewiesen bekommen. Das noch frische deutsche Exil fühlt sich für ihn wie ein riesiger Verlust an. Wie eine Niederlage, betont er. Lieber wäre er jetzt im Iran. Rückkehr aber ist nur denkbar, wenn kein Haftrisiko mehr droht. Sein Wunsch einstweilen: Rap-Konzerte auf deutschen Bühnen. In Freiheit. Ohne, dass er über Spitzel oder Beobachter des Regimes im Publikum nachdenken muss.
Martin Gerner

Der iranische Rapper Behrad Alii Konari bei einem seiner ersten Auftritte in Deutschland im März 2026
