Krieg und Kunstmoderne als Mythos: 5 Jahre Taliban und die Folgen der Intervention für den wissenschaftlichen Diskurs

Bild Mohsen Hosseini
„Die Befreiung der afghanischen Kunst durch den Westen ist ein Mythos“
Gespärch mit dem Künstler, Kurator und Wissenschaftler Aman Mojadidi
Fünf Jahre sind die Taliban jetzt an der Macht in Afghanistan: Äußerungen unabhängiger Kunst und Kultur sind offiziell verboten. Während der Intervention des Westens zwischen 2001-2021 herrschte relative Freiheit. Mittlerweile regt sich Kritik an der Art und Weise, welchen zum Teil negativen Einfluß die Intervention auf afghanische Kunst und Künstler hatte und welche Folgen dies unverändert hat. Aman Mojadidi ist US-afghanischer Künstler und Co-Kurator des Afghanistan-Auftritts auf der documenta13 in Kassel und Kabul 2012. Er arbeitet zur Zeit an der post-kolonialen Rezeption des Afghanistankriegs unter künstlerischen Vorzeichen. Im Interview prognostiziert Mojadidi, dass die Taliban
sicher weitere fünf Jahre an der Macht sein werden, womöglich noch länger.
Martin Gerner: Was für Kunst entsteht zur Zeit unter den Taliban?
Aman Mojadidi: Freunde erzählen mir: seit die Taliban zurück sind und Frauen wie Mädchen nicht mehr zur Schule gehen können und zum Studium, gebe es dennoch zahlreiche private Kunsträume, in denen junge Frauen Malen und Zeichnen lernen. Die Taliban unterbinden das nicht. Aber: es gibt keine Ausstellungsmöglichkeiten für diese Frauen. Ihre Kunst kann nicht öffentlich gezeigt werden. Man muss ergänzen: Unter dem ersten Taliban-Regime 1994-2001 gab es wiederholt Ausstellungen in der Kabuler Nationalgalerie. Allerdings nur Motive, die Naturlandschaften zeigten, also keine Darstellungen von Personen. Vergleichbar mit jenen Motiven, die man an der Kabuler Universität oft sieht, auf dem Bazar oder in Kabuler Restaurants. Ist das zeitgenössische Kunst? Ja. Ist es konzeptuelle Kunst, im Sinne einer Autorenhandschrift? Nein. Das gilt es zu differenzieren.
M.G.: Welches Erbe hat der Westen im Bereich der Kunst hinterlassen nach dem Abzug?
Aman Mojadidi: Ich denke an das Bild eines Wassereimers, der auf dem Boden ausgeschüttet wird: Das Wasser kann nicht absorbiert werden, weil der Boden zu hart ist. Es verpufft stattdessen, obwohl es scheinbar das ganze Land überflutet hat. So empfinde ich die 20 Jahre der Intervention rückblickend. Das wenige Wissen, was inhaltlich eingedringen konnte in Bereichen wie Erziehung, Kunst oder im Gesundheitswesen – ist heute alles wieder raus aus dem Land, ich meine die Künstler, die flüchten mussten 2021, das neue Know How ging dem Land so durch Flucht und Evakuierungen verloren.
M. G.: Was ist an originärer afghanischer Kunst entstanden während der Intervention?
Aman Mojadidi: Die Kunst in der Zeit der Intervention leben von vielen Mythen. Ich erforsche das zur Zeit. Dass eine eigene afghanische Kunst gefördert wurde als Folge der Intervention bezeichne ich als einen Mythos. Tatsächlich wurde sie vielmehr künstlich geschaffen mit den Mitteln der Geberländer. Die Punk Musik, die es zwischen 2001-2021 in Kabul gab oder die Graffiti-Kunst in Kabul, die im Westen eine Reihe von Schlagzeilen machte, sind Beispiele dafür. Man würde vermuten, dass NGOs bestehende Künstler in ihrer kreativen Entwicklung unterstützt hätten damals. Oft war es tatsächlich umgekehrt: die NGOs und ihre Gelder schufen etwas, das wie Kunst aussah, aber in Wirklichkeit Erwartungen und vorgefertigte Konzepte von Kunst und Kreativität an afghanische Künstler von außen heran trug.
Afghanische Künstler sprühten damals Graffitis auf die Mauern des ehemaligen russischen Kulturzentrums in Kabul. Tatsächlich aber gab keine Wirklichkeit, in der eine Frau als Graffiti-Künstlerin alleine draussen auf der Strasse sprayen konnte. Das wäre zu gefährlich gewesen. Medien-Berichte und inszenierte Fotos haben aber die Illusion geschaffen, dass dem so sei. 2010 gab es auf vielen Mauern Kabul den Graffiti-Slogan ‚Cost of War‘, das S mit einem $ -Zeichen geschrieben. Westliche Medien machten daraus ein Mythos: Afghanen wehren sich gegen die Intervention. Tatsächlich war der Slogan Teil einer Oxfam-Kampagne zum Thema Kriegsopfer.
M.G.: Wie verhielt sich die Kunst zu den Zielen des militärischen Einsatzes?
Aman Mojadidi: Das Geld für Kunst- und Kulturprojekte war indirekt Teil der Aufstandsbekämpfung der US-Amerikaner im Krieg. Das Credo lautete: wenn Afghanen Kunst machen, produzieren sie keine Bomben. Und wenn Menschen kreativ tätig sind, macht es zweierlei: es verhindert, dass jemand ein Terrorist wird. Und es macht ihn menschlich. So wurde in Kunst als Nation Building investiert. Nach dem Motto: wenn die Afghanen uns ähneln, dann alles in Ordnung. Aber der Ansatz war rückblickend zum Scheitern verurteilt.
M.G.: Kann man die militärische von der zivilen Anstrengung trennen?
Aman Mojadidi: Der eine konnte nicht ohne den Anderen existieren und erfolgreich sein in der Intervention. Die Militärs hätten nicht so viel unternehmen können ohne die zivilen Helfer und umgekehrt. Die afghanischen Künstler sind dabei nicht zu kritisieren. Auch nicht, dass Künstler am Ende 2021 vor den Taliban massenhaft geflüchtet sind.
M.G.: Gibt es eine Verantwortung oder sogar eine Schuld des Westens darin?
Aman Mojadidi: Der Westen, allen voran die US-Regierung Trump, hat die Taliban wieder zurück an die Macht gebracht. Die Folge war: die besten menschlichen Ressourcen Afghanistans – Experten aus Gesundheitswesen, Wirtschaft, Kunst und Kultur – mussten alles ausserhalb des Landes fliehen als Ergebnis dieser Politi. Wie soll es jetzt im Land weiter gehen? Ich sehe Ähnlichkeinten zur Kolonialgeschichte. Als erlebten wir eine moderne Variante, die besten Ressourcen aus dem Land zu befördern.
M.G.: Inwiefern hat die US-Regierung die Rückkehr der Taliban erleichtert?
Aman Mojadidi: Die Friedensgespräche in Doha mit den Taliban fanden ohne die gewählte afghanische Regierung statt. Das war ein zentraler Fehler.
M.G.: Was ist aus dem immer wieder vorgeschobenen Ziel der Befreiung der afghanischen Frauen geworden?
Aman Mojadidi: Viele Workshops für die Rechte von Frauen waren nur für Frauen gemacht. Warum gab es keine Workshops über Frauenrechte für afghanischen Männer? So hätte man am Ehesten einen grundlegenden Wechsel in der Mentalität herbeiführen können. Aber das passierte nicht.
M.G.: Wie lange werden die Taliban diesmal an der Macht sein?
Aman Mojadidi: Das wird länger dauern. Der Westen und die internationale Gemeinschaft haben die Idee einer erneuten Intervention aufgeben. Man wird die Taliban schrittweise anerkennen, vermute ich. Jetzt sind die Taliban fünf Jahre an der Macht. Ich denke es wird locker weitere fünf Jahre dauern. Vermutlich noch länger.
Vorgesehen an dieser Stelle ist in Kürze eine erweiterte Fassung des Gesprächs auf Deutsch sowie die englische Fassung.
links zum Autor & zum Thema
https://qantara.de/en/article/aman-mojadidi-afghan-contemporary-art-solutions-dont-always-come-elsewhere
https://de.wikipedia.org/wiki/Aman_Mojadidi
https://www.afghanistan-analysts.org/en/reports/context-culture/arts-in-a-war-zone-afghanistan-at-the-documenta/
https://www.dukeupress.edu/decolonizing-afghanistan
