Rebellious embroidery / Stickkunst Afghanistans: Hört die Stimmen
„Mit einer Hand kann man keine Geräusche machen“ / afghanisches Sprichwort
Subversive Nadelstiche oder rebellische Stickereien sind etwas, was in der Geschichte der Textilkunst nicht erst mit Afghanistan aufgetaucht ist, wenngleich es Thema der Ausstellung „Hand in Hand“ über die politische Stickereikunst Afghanistans am Beispiel der Guldusi-Arbeiten ist.
Ob es die Quilts nordamerikanischer Frauen sind, also mehrlagige Textilien in Form von Steppdecken, die in den Widerstand der Textilgeschichte eingegangen sind, oder Muster auf Ponchos, Decken und Umhängen in Zeiten der Pinochet-Ditatur und anderer Zeitläufe: Tradition, Begegnungen und Kulturkämpfe von Frauen über verschiedene Formen von Nadeln prägen diese Geschichte immer wieder – und sind mittlerweile niedergelegt in schriftlichen Arbeiten. Etwa in literarischen Formen wie in dem Bestsellerbuch „Die Nadeln des Aufstandes“ von Katerina Schina.

Der Name Guldusi ist Programm: er bedeutet auf Deutsche so viel „Blume/n nähen“. Er deutet auf vieles hin, was in den Arbeiten zu sehen. Symbole, Blumen und Stichführung, die mal sanft und geschmeidig wirkt, mal kämpferisch. In beiden Fällen anregen zu reflektierten: über die Frauen in Afghanistan, ihre Motive, Träume und Wünsche.
Rund 250 Stickerinnen erstellen diese Arbeiten. 200 im Bezirk Laghmani, in der Provinz Parwan, in der Provinz Paarwan, gelegen zwischen Charikar und Bagram, ex-Luftwaffenstützpunkt der USA, ein Ort mit Geschichte, der auch eine Gründung Alexander des Großen ist. Weitere 50 Stickerinnen arbeiten in der Provinz Herat, unweit von Herat Stadt. Die meisten Stickerinnen haben ein familiäres Umfeld, manchmal sticken Mutter und Tochter. Wenige sind alleinstehende Frauen.
Ich gebe hier Informationen weiter, wie sie mir Pascale Goldenberg, die Leiterin und Initiatorin des Projektes, das nun schon über zwanzig Jahre existiert, mitgegeben hat.

Interessant für mich war zu hören, dass nach der Ankunft der Taliban im August 2021 sich wenig geändert hat in den vier Dörfern in Laghmani. Dorfälteste haben offensichtlich den neuen Machthabern vermittelt, dass die Arbeit positiv, produktiv, einheimisch, transparent ist – was sie in der Regel hören wollen.
Guldusi hat seit wenigen Monaten die Finanzierung einer Sonderklasse übernommen. Das betrifft Frauen, die bisher die 6. Klasse noch nicht absolvieren konnten. Ein Lichtblick in einem ländlichen Bezirk, in dem die Analphabeten-Rate unverändert hoch bleibt.
„Historisch gesehen“, lesen wir, „ist das eine relativ neue Entwicklung, Mädchen zur Schule zu schicken in einem ländlichen Gebiet. In den letzten 20 Jahren, 2004 noch, waren diejenigen, die zur Schule gehen durften, eine Minderheit in den Familien in diesen vier Dörfern. Und 20 Jahre später, 2025 also unter den Taliban, jetzt gibt es nur noch wenige Kinder, die nicht zur Schule gehen.“
Unter den Taliban können Mädchen nur noch in die Grundschule gehen und bis zur sechsten Klasse. Natürlich war der August 2021 so auch in einer Region wie Laghmani ein tragischer, brutaler Einschnitt.

Guldusi und Pascale Goldenberg haben vor einem Jahr ein Büchlein herausgegeben: „Stickkunst aus Afghanistan – Hört die Stimmen der Frauen“. Darin schreibt sie über die Erlebnisse und zwischenmenschliche Erfahrungen und Begegnungen mit den Frauen. Als Wiedergabe ihrer Empfindungen und des gegenseitigen Respekts, den beide füreinander haben. Es gibt von den Stickerinnen Motive über fast jeglichen Bereich des Alltags: den Anbau und die Aussaat, das anrühren von Teig und das Backen von Brot, wie Familien und Frauen auf den Feldern arbeiten, Arbeiten, wie Bewässerungssysteme aussehen und gewässert wird, geerntet wird, wie die Spreu vom Korn getrennt wird, wie gemahlen, das Fladenbrot im Tandoor gebacken wird – alles auf 8 x 8 cm – das glaubt man manchmal gar nicht. Dan fährt die Familie mit der Ernte, dem Eingemachten mit der Rikscha auf den Basar fährt. Der Fortschritt taucht auf den Stickereien auf: Glühbirnen, Fernseher, Handys, Waschmaschinen. 2002, bei einer Umfrage, hatten 21 Prozent der Frauen und Haushalte sowohl Kühlschrank als auch Waschmaschine und Fernseher. 38 Prozent hatten einen Fernseher, aber keinen Kühlschrank. 30 Frauen hatten weder das eine noch das andere.
Pascale Goldenberg schreibt weiter: „Als ich im Februar 22 nach der Zwangspause wieder ins Dorf kam, sagten einige Stickerinnen, dass sie nicht erwartet hätten, mich wiederzusehen. Kurz davor hatten wir die Frauen um eine Stellungnahme gebeten, was ihre Männer denn zu dem Guldusi Projekt meinten, was sie empfänden dafür, dass ihre Frauen diese Arbeit machten.“ Es kamen Antworten wie: „Mein Mann ist sehr glücklich, weil ich ihn mit diesem Geld unterstütze. Wenn es diese Projekte nicht gäbe. Wenn es dieses Projekt nicht gäbe, wüssten wir nicht, wie wir unseren Lebensunterhalt bestreiten sollten.“

Die Frauen dieser Stickereien haben nie eine Kunstschule besucht. Ihre Arbeiten ind frei von Theorien und Dogmen, aber erzählen Tiefgreifendes. Sie zeigen die Ambivalenzen einerseits: das System von Gesellschaft und strenge Clan-Leben. Andererseits wird auch künstlerisch frei agiert, die Frauen trauen sich ohne Filter darzustellen Schwangerschaft aber auch häusliche Gewalt und Krieg darzustellen. Alles Strategien von Resilienz, das Aussprechen tiefer Sorgen. Das Sticken kommt darin einer Meditation gleich, einer Selbstthearpie: Zitat einer Stickerin: „Wenn ich sticke, geht alles, was in meinem Kopf ist, weg.“

Viele Begegnungen in AFG können eine Lektion fürs Leben sein. Die Frauen schaffen es, am Leben zu bleiben und positiv nach vorne zu sehen. So symbolisiert die Ausstellung „Hand in Hand“ die Sehnsüchte nach Freiheit, Bildung und Gleichheit.
Wenn sie glauben, Widersprüche zu den allgemeinen Schlagzeilen aus Afghanistan über zunehmende Depression unter Frauen zu erkennen, dann liegen sie nicht falsch. Es gibt diese. Gleichzeitigkeiten sind Teil der afghanischen Realität. Widersprechendem auszuhalten ist Ländern in Krieg und Konflikt eigen.
Die gestickten Werke vermitteln neben Träumen und Hoffnungen immer wieder Erschütterungen, Verbote, Tabus. Manches, was in einer Stickerei gesagt wird, kann man aufgrund von Stigmata oder Vorurteilen nicht ausgesprochen werden und man ist umso gerührter, es auf Stoff zu finden.

Das Büchlein „Hört die Stimmen der Frauen“ enthält mehrere Stellungnahmen von Afghaninnen, die kürzer oder länger in Deutschland wohnen und die etwas geschrieben haben zu den Stickereien. Es macht Sinn, daher drei betroffene Stimmen und Stickerinnen zu hören.
I Fatima Bathory:
„Die Geschichte lehrt uns keine Kette ist für immer. Ich bin überzeugt, diskriminierende Systeme werden den gerechten Forderungen der Frauen nicht standhalten können auf Dauer. Eines Tages werden die Frauen Afghanistans ihre Freiheit und ihre wahre Stärke zurückgewinnen und ihre Fähigkeiten und Talente der Welt zeigen.“

II. Tara Faizi, Stickerin in Laghmani:
„Jedes Bild, das wir sticken, das wir auf den Stoff setzen, scheint wie Balsam für die Wunden, die der Krieg in unserem Herzen hinterlassen hat. Dies ist nur der Beginn unseres Weges. Ich glaube fest an eine bessere Zukunft.
Unser erster mutiger Schritt begann mit dem Schreiben auf einer zerbrochenen Tafel, mit der Kunst der Stickerei, die die Hände der Dorfmädchen aus Stoff zauberten. Meine Geschichte, unsere Geschichte ist jener Faden, der Hoffnung an die Zukunft knüpft.

III. Sharare Youssoufi.
„ Ich bin eine Frau, ich stehe hier.
Mein Leben erzählt von Mut und Zier.
Die Welt ist hart, der Weg oft schwer,
doch in meinem Herzen träume ich von mehr.
Ich träume von Lernen, von Büchern und Licht,
von einem Morgen, das leise verspricht,
Freiheit zu gehen, Freiheit zu singen, Freiheit zu sein,
ohne Angst, ohne Ketten, einfach nur mein.
Die Berge sind Zeugen, der Wind trägt mein Wort,
auch wenn sie mich halten an diesem Ort.
Doch Träume sind Samen, sie wachsen empor.
Eines Tages brechen sie jede Tür, jedes Tor.
Ich bin eine Frau mit Hoffnung im Blick,
Die Zukunft ist nah, nur ein Schritt.

Der folgende Text basiert auf einleitenden Worten für die Ausstellung
„Hand in Hand“ im Kreismuseum Zons, die ich als Eröffnungsredner dem 13. Sept. 2026 gehalten habe in Dormagen. Die Ausstellung läuft und noch bis 17.Januar 2026.
https://www.rhein-kreis-neuss.de/de/freizeit-kultur/kreismuseum-zons/ausstellung-hand-in-hand/
Die Abbildungen mit freundlicher Genehmigung von @guldusi / https://www.guldusi.com/
@kreismuseumzons
@martin.gerner_