Moria-Feature: Lesbos außer Kontrolle (Ur-Sendung)

Moria-Feature: Lesbos außer Kontrolle (Ur-Sendung)

Moria-Feature: Lesbos außer Kontrolle (Ur-Sendung)

Hier (link, link) finden Sie mein neues Hörfunk-Feature über Lesbos und die Folgen des Brandes in Moria. Ich freue mich über die Kooperation für dieses investigative Hörfunk-Feature in Zusammenarbeit mit Deutschlandfunk und dem Österreichischen Rundfunk, und nach ereignisreichen Wochen auf Lesbos, wo die Lage unverändert kritisch bleibt (vgl. weitere Hinweise zum Thema unten).
Das Feature

Lesbos außer Kontrolle. Der Brand von Moria und das Versagen Europas
DLF / ORF Koproduktion (Ur-Sendung 8. Dezember 10.05Uhr und 19.15 DLF)

versucht erstmals seit dem Brand in Moria im Hörfunk die Stimmen vieler Betroffener ins Gedächtnis zu rufen, eine Anzahl neuer Hintergründe kritisch zu beleuchten und Verantwortlichkeiten auf EU-Ebene zu benennen.

Eine ausführliche Kritik unter dem Titel „Unschätzbar wichtige Arbeit“ ist in der Medienkorrespondenz hier.

Hier ein Hintergrund zu meiner Recherche auf Lesbos, in Moria und Kara Tepe.
Zur alarmierenden Lage – Stand 23.Dez. – also einen Tag vor Weihnachten, siehe auch den offenen Brief (hier) von Omid Deen Mohammed vom Moria Corona Awareness Team (MCAT)
und Raed al Obeed für die Moria White Helmets (MWH), die beide ausführlich auch in meinem Feature vorkommen. Zitat daraus: „Würden wir auch so behandelt werden, wenn wir Tiere wären? Also haben wir beschlossen, Sie zu bitten, uns die einfachen Rechte zu gewähren, die Tiere haben. Wir würden uns freuen, wenn wir diese erhalten und versprechen Ihnen, dass Sie keine Klagen mehr von uns hören werden. Wir wollen nicht mehr hören, dass unsere Situation nicht so schlimm ist. Wir laden alle, die so denken, ein, nur für eine Nacht in unserem Camp zu bleiben.“
Außerdem das höhrenswerte Interview mit der Kinder-Psychologin Katrin Glatz-Brubakk von „Ärzte ohne Grenzen“ (hier), mit denen ich ebenfalls für das Feature zusammengearbeitet habe, die bestätigt, dass sich Kara Tepe, wie schon Moria, schrittweise zu einem Alptraum entwickelt, in dem Kinder wie Erwachsene täglich zu Opfern (europäischer Politik) und mit desaströsen Langzeitfolgen werden.

Hier mein Hintergrund über das Making of des DLF/ORF-Hörfunk-Features:

Um die Katastrophe von Moria in ihrem Ausmaß zu verstehen, braucht es Zeit. Gespräche mit den verschiedensten Akteurinnen und Akteuren. Werben um Vertrauen u.a. So habe ich gleich nach dem Brand in Moria und auf Lesbos recherchiert. Und ich konnte auf Recherchen davor zurückgreifen.
Die Leitfragen dabei sind:
Wer trägt die Verantwortung dafür, dass Moria in Flammen aufging? Was haben die verschiedenen Akteure auf Lesbos mit dem Brand zu tun? Was muss geschehen, damit sich Moria nicht wiederholt? Und natürlich: Was sagen die Menschen, die in Moria gelebt haben, und nun im neuen Lager Kara Tepe leben.

Ich frage nach den Ambivalenzen von griechischen Behörden und EU-Instanzen, von Hilfsorganisationen und freiwilligen Helfern, die sich zwischen humanitärem Anspruch und Geschäftsinteressen bewegen. Indem ich Erkenntnisse und Stimmen gegenüberstelle, entsteht ein Bild, das überrascht: denn das Narrativ ‚Gut gegen Böse‘ taugt hier nicht. Vielmehr wird ein Versagen der Vielen sichtbar, vor allem von Europas Institutionen.

Wer sind meine Protagonisten?
Ich lasse eine Reihe von Menschen aus dem Lager Moria zu Wort kommen, die über ihre Traumata und Ängste erzählen. Raid etwa, eine führende Stimme aus der syrischen Gemeinschaft. Er sagt: „Wir haben in Moria viele Bewohner durch Tod und Mord verloren. Es gab immer wieder extreme Gewalt. Vor allem Afrikaner haben darunter gelitten. Aber es hat keinen draußen interessiert. Die Menschen starben, ohne, dass jemand Notiz davon genommen hat.“
Ich habe Zeugen gesucht dazu, die offen reden, (wer warum für das Versagen in Moria verantwortlich ist) und die kein Blatt vor den Mund nehmen. Das war nicht einfach. Ein internationaler Berater nennt die Vorgänge der letzten Monate „eine von der EU getriggerte kriminelle Angelegenheit, bei der rechtlich die Schwächsten der Schwachen den Preis zahlen“, also die Geflüchteten.

Zugleich sind auf Lesbos Helfer selbst Ziel frustrierter Inselbewohner. Der liberale Teil der Einheimischen wünscht sich mehr EU-Solidarität. Konservative oder rechtsradikale Insel-Bewohner unterstellen, das Tun der NGOs ermögliche erst die Migration nach Griechenland. Die beiden Seiten reden so gut wie nie miteinander. Das ist tragisch, weil viele Griechinnen und Griechen auf Lesbos selbst als Flüchtlinge mit ihren Familien einst aus der Türkei gekommen sind.
Auch ausländische Helfer sind nicht immer unschuldig. Ein Wissenschaftler der Universität Mytilene erzählt mir von den vergangenen Jahren: „Das Auftreten und Verhalten von NGO-Vertretern erinnert bisweilen an Neo-Kolonialismus“. Damit müssen wir Europäer uns beschäftigen.

Ich stelle so investigativ Zusammenhänge her zwischen Akteuren, über die bisher meist nur isoliert berichtet wurde. So entsteht das Bild von Lesbos als einer Konfliktzone mitten in der EU. Nach zwanzig Jahren, die ich in Krisengebieten reise und arbeite, mache ich diese Entdeckung nun in Europa.

Was ist aus den Menschen im Lager Moria geworden?
Im neuen Lager Kara Tepe – so sagen viele – gehe es ihnen kaum besser als in Moria. Kara Tepe liegt direkt am Meer. Über 7.000 Menschen. Kaserniert, in über 1.000 Zelten, wie in Sardinendosen. Es stürmt und regnet in die Zelte rein. Manche stehen knöcheltief unter Wasser.

Zugleich fehlt es an Strom. Warmwasser und ausreichend Duschen: Fehlanzeige. Viele waschen sich, ihre Kinder und ihre Kleider nach wie vor im Meer. Und jetzt kommt der Winter, der bis null Grad gehen kann. Viele Kinder haben Durchfall. Depression und Apathie sind ohnehin verbreitet.

Die Sicherheit im Lager ist jetzt zwar besser. Aber die Menschen fühlen sich zunehmend rigide und aggressiv von der Polizei kontrolliert. Sie fürchten, dass man sie gefügig machen will für den Umzug ins neue Lager, das unter EU-Führung entstehen soll. Ob offene Asyl-Anträge bis dahin schneller und korrekt entschieden werden, bleibt eine, wenn nicht die größte Herausforderung.

Eine große Untersuchung der EU fehlt
Im Feature porträtiere ich auch eine Schule von Flüchtlingen in Moria, wo täglich Hunderte Menschen in den Unterricht gingen. Sie war ein wichtiger Ort gegen Depression und Krankheit. Im neuen Lager sind unabhängige Flüchtlingsschulen, wie es sie in Moria gab, nicht mehr zugelassen.

Auch von aktuellen Push-Backs vor der Küste von Lesbos erzählt das Feature. Hier wird spannend sein zu sehen, ob der Druck auf Frontex anhält, um die EU-Grenzagentur besser zu kontrollieren.

All diese Punkte warten auf Aufklärung. Deshalb verwundert es, dass eine große Untersuchung in Griechenland und auf EU-Ebene bislang fehlt. 
Das Feature kann wichtige Anstöße dafür liefern.

Martin Gerner ist ORF & ARD-Feature-Autor für Deutschlandfunk, recherchiert seit zwanzig Jahren in Kriegs- und Krisengebieten. Seine Features und Beiträge zur Konfliktanalyse für Hörfunk, Print und Dokumentarfilm sind international vielfach ausgezeichnet. Er ist Fellow am Institut für Medien und Kommunikation Köln.