Lady Writers: junge Autorinnen in Zeiten des Islamischen Staats (Irakisches Tagebuch III)

Lady Writers: junge Autorinnen in Zeiten des Islamischen Staats (Irakisches Tagebuch III)

Lady Writers: junge Autorinnen in Zeiten des Islamischen Staats (Irakisches Tagebuch III)

Schreiben für die Freiheit. Ursendung des Features in Deutschlandfunk Kultur, siehe hier.
Lady Writers, Junge Irakische Autorinnen nach dem IS,  WDR-Feature im WDR, siehe hier

Nach dem offiziell verkündeten Sieg im Irak über den sogenannten IS ringt das Zweistromland, mehr denn je vielleicht, um seine kulturelle Identität. In dieser Gemengelage habe ich mich mit einem Dutzend junger Autorinnen und Dichterinnen im Irak treffen können. Diese Frauen, alle unter 25, habe ich über mehrere Tage zu ihren ersten Textentwürfen und Veröffentlichungen befragen können. Das hat etwas Unerhörtes, denn die Autorinnen sprengen Grenzen in dem sie sich in Wort und Schrift artikulieren. Frauen im Irak schreiben anders als Männer. Sie leiden auch anders als Männer. In einer betont patriarchalischen Gesellschaft verwundert dies auf den ersten Blick nicht. Gleichwohl sind die vielfältigen Formen von Blockaden und Hindernissen, gegen die diese Frauen angehen müssen oft unbekannt.
Prosa und Lyrik haben unter diesen Bedingungen ebenso dokumentarischen wie fiktiven, aber auch lindernden Charakter. Schreiben erhält hier seine eigentliche reinigende wie auch widerständische Funktion. Noch dazu in einem Umfeld bewaffneter Milizen an der Grenze des Kampfes zwischen dem IS und schiitischen Milizen, die sich im Kampf gegen den IS südlich von Bagdad und unweit des Marschlands rekrutieren. Die jungen Autorinnen, die ich treffen konnte, stammen zugleich aus allen Teilen des umkämpften Landes: aus Bagdad und Basra, aus Mossul und den kurdischen Gebieten. Inmitten des Abgesangs auf den failed state Irak sind sie ein neues, noch leises Zeichen gemeinsamer kultureller Identitäten und eines entschlossenen Überlebenswillens.
Ein ausführliches Radio-Feature als Dokumentation der außergewöhnlichen Begegnungen ist im März 2018 bei Deutschlandfunk Kultur erscheienen und im April 2018 im Programm des WDR.

 

Nacht für Nacht pressen die Hexen sich Milch aus der Brust.
Was soll ich schreiben am Morgen?
Einsamkeit heißt auf einem Wasserbett zu liegen.
Ich werde schreiben von dem Nachbarn,
der vor der Explosion in den Schrank flüchtete.

Was ist das für eine Zeit, was für ein Land, in dem stolpernde Hexen aktiv sind?
Hexen. Ein Wasserbett – sind sie Symbole der Hoffnung? Was kann Zukunft im Irak bedeuten, nachdem Mosul zerstört ist, die Kurden unabhängig sein wollen, Bagdad das nicht zulässt und Teheran das Chaos im Land für sich nutzt.

„Es gibt Menschen, die ein Problem mit Lesezirkeln für Frauen haben und die ihren Frauen abraten. Mir ist das egal“, so eine der jungen Autorinnen. 
Fundamentalistische Irrungen begegnen mir auf meiner Reise entlang von Euphrat und Tigris. Ich treffe Frauen hier, die schreiben, nachdem sie lange nicht wagten, ihre Stimme zu erheben.
 
Ich werde schreiben ein Gedicht mit dem Faden der Hoffnung,
der von der Sonne hängt. „Ich möchte eine unabhängige Stimme im Irak sein“, sagt eine andere junge Frau und eine von wenigen, die sich als junge Literatur-Kritikerin bezeichnet. „Wir haben fast keine Kritikerinnen, die ernst genommen werden und die qualifiziert sind.“

Der Irak gilt als failed state, als gescheiterter Staat. Was aber wiegt schwerer: die hausgemachte Korruption? Die Ideologisierung der Religion? Oder unsere Hinterlassenschaft willkürlicher kolonialer Grenzen? Gäbe es ohne die US-Intervention von 2003 überhaupt Al Qaida und den Islamischen Staat?

Das gesamte Radio-Feature als Dokumentation dieser außergewöhnlichen Begegnungen erscheint im April im Programm des WDR.

 

 

لا وجه له, يأتي بلا ملامح, بلا أقدام, ولا أيدٍ, وبلا عيون. يستقر في أعماقنا, يجعل منا شكله“
, ويبدأ التغذي على شرايين الحياة فينا. يجعلنا وحيدين نجفل من حزنِ اللحظة
, متسائلين: أيّهما جاء أولًا الحزن أم هذا الألم؟!“

 

 

„Hatte er Langeweile, raubte er ihr die Luft.
Sie nickte ein, der Schmerz weckte sie.
Rücksichtslos.
Er respektierte keinen Schlaf.“

 

 

„- ماما, أخاف أنام وحدي.
– نامي في عيون ماما.
وغفيتا معا, بينهما الألم, يقف على عتبة السرير, يتأمل ضعف الأم لمرضها, وتكور الطفلة لخوفها. تشابُك أيديهما كان السّر بأن يَبقى بعيدًا هذه الليلة, ويبقى بلا شكل, وبلا ملامح!“

 

 

„Der Morgen kam.
Er kam zu Fuß, für sie.
Nicht für alle scheint die Sonne, sondern nur für die mit reinem Herzen.
Das Licht wischte ihre Tränen fort, verjagte die Traurigkeit.
Sie atmet erleichtert aus und lächelt sich im Spiegel an.“

 

 

القابعونَ في صدرِ العادات“
يلوّحون بقطعِ أناملي
عيونهم ملأى بالضَلال…“

 

 

„So, Du‘aa, du bist als Nächste dran.
Wir werden dich verheiraten“, sagt Salem zu Jabbars Tochter, die noch keine 10 Jahre alt ist.

 

 

ماذا يعني
أن تدورَ حولَ نفسك

„…أو تقفَ في مكانكَ

 

„Ich wollte sie nicht verletzten.
Es reicht schon, dass mein älterer Bruder Jabbar sie ständig damit aufzieht
und sagt, dass sie nie einen Mann abkriegen wird.“

 

 

سوى تساؤلاتٍ بلا أجوبةٍ
ودمعةٍ ساخنةٍ
تمزقُ لحظة صمتكَ الأخيرة !…“

 

copyright M.G. 2018